Century Media: Kann jeder sein eigenes Label gründen?

Der Name Century Media ist nicht gänzlich unbekannt. Die wenigsten aber, denen der Name etwas sagt, wissen, wie dieses Label entstanden ist. Das kam nämlich, weil der Sänger einer Band, Robert Kampf von Despair, feststellte, dass ihm Singen gar nicht so liegt und er lieber managt. Und dann haben ihm noch die ganzen Deals, die ihm von anderen Plattenfirmen vorgeschlagen wurden, nicht zugesagt. Was macht der umtriebige Herr also? Richtig, er macht seinen eigenen Laden auf. Century Media.

century media diy

An sich ist der Name des Labels absolut nichtssagend. Es wurde im 20. Jahrhundert gegründet, aber erst gegen Ende, ist noch lange keine hundert Jahre alt. Unter dem Wort Media ist alles und nichts zu verstehen. Trotzdem konnte sich Century Media schnell zu einem der bedeutendsten Indies im Metalbereich ausbauen, bei dem jeder auf Anhieb weiß, was gemeint ist. Heute umfasst es mehrere Büros auf der ganzen Welt, die größten Zweigstellen davon in Dortmund und Los Angeles (was eine Kombi…) und hat eine ganze Palette an namhaften Künstlern unter Vertrag. Manche von ihnen kamen und gingen, doch der Erfolg blieb. Wem sagt Lacuna Coil etwas? Oder Arch Enemy? Dark Tranquility oder In Flames?
Diese und viele, viele weitere werden euch in Christian Krumms Buch „Century Media. Do It Yourself: Die Geschichte eines Labels“ vorgestellt. Fast zu viele und zu ausführlich, jedenfalls wenn man sie nicht näher kennt. Es ist jedoch eine Freude, zu wissen, dass eine Band, von der man Fan ist, eigentlich noch im Buch vorkommen müsste…man wartet darauf, lernt nebenbei viel über andere…und bämm, dann steht er da, der Name deiner Helden, du siehst ein Bild und denkst: ‚Cool, endlich erfahre ich, wie diese Band zu ihrem Deal gekommen ist.‘

Ich habe das Buch durchgelesen in der Hoffnung, die genialsten Tipps zu finden, wie man selbst ein Label erfolgreich aufbaut. Leider gibt es dafür aber kein Geheimrezept und im Falle von Century Media war es eine Mischung aus Glück, Motivation, Offenheit, Risiko, Bauchgefühl und zunehmend Professionlisierung und gekonnter Umgang mit Künstlern und ihrem Zielpublikum.
Man erfährt zum Beispiel einiges darüber, wie sich der amerikanische Markt vom deutschen unterscheidet. Dass die Musikfans dort offener gegenüber Experimenten und Crossover sind, Neue Ideen nicht so schnell verteufeln – genauso schnell kann ein Trend aber wieder beendet sein und die heute gefeierte Core Band muss morgen wieder dem geschrumpften Black Metal weichen. Wer weiß.

lacuna coil
Lacuna Coil, arbeiten mit CM

Es ist auch ein gnadenlos ehrliches Buch. Wenn nicht aus irgendwelchen Gründen Schweigepflicht herrscht, steht genau beschrieben, warum sich eine bestimmte Gruppe mit dem Label zerstritten hat oder ein Deal nicht erneuert wurde. Es steht auch darin, wann es Century Media nicht so gut ging und mit welchen kleinen Tricks und Kooperationen sie ihr Überleben sichern. Zum Beispiel ab einem gewissen Zeitpunkt einen eigenen Verlag und Coverdesigner ins Haus zu holen.
Unbewusst lernt man also doch sehr viele Dos und Don’ts der Labelführung. Das Schöne, und gar nicht romantisch Verklärte ist, dass alle Mitarbeiter ihre Sache gerne machen. Es heißt ganz unverblümt, dass niemand mit diesem Geschäft Millionär wird. Jedenfalls bei keinem bekannten Indie. Wird er es doch, ist es ein Major (Logik des Marktes…). Dann geht nicht unbedingt die Leidenschaft verloren, aber doch ein bisschen die Nähe zu und die Zeit für den einzelnen Künstler. Kein Major dieser Welt wird so genau über jeden seiner Acts so eine Geschichte erzählen können. Bei Century Media blieb alles, so weit das im alltäglichen Geschäft möglich war, familiär. Da steht der Chef und Firmengründer bei einer gemeinsamen Grillfeier mit Enthusiasmus persönlich an der Zapfanlage, in Jeans und T-Shirt, als sei es das Natürlichste auf der Welt.
Ist es irgendwie auch. Diese Geschichte zeigt gleichzeitig, wie gut durchdacht eine Musikkampagne sein muss, wie ergiebig diese Arbeit aber auch ist und wie viel Spaß sie macht. In den Gängen von CM hängen mehrere goldene Schallplatten. Eine Tatsache, die sie auch der Treue der weltweiten Metalgemeinde zu verdanken haben. Wenn eine Sparte noch lange Zeit viele Platten verkaufen wird, dann ist es diese.

Christian Krumm
Autor Christian Krumm

Ganz am Ende, nach unzähligen Act-Beschreibungen und wundervollen kleinen Anekdoten, die sich perfekt für das nächste Gespräch am Festivalbierstand eignen, geht es noch einmal richtig ins Geschäftliche. Wie kommt man ins CM Team hinein? Welche Arbeit fällt überhaupt in ihren Bereich? Und wie kamen sie durch die „große Krise“ der Musikwirtschaft? All das wird erstaunlich offen beschrieben.

„Leider“ ist das Buch schon ein paar Jahre alt (2012) und befasst sich somit nicht mit Instagram und Spotify. Man erfährt aber genau dadurch, wie die Musikvermarktung vorher war, als Alben noch über den Moodlists standen. Nicht aus der Erinnerung, sondern in Echtzeit. Facebook und Downloads waren gerade groß am Kommen. Die Entwicklung in diesem Bereich ist erschreckend rasant.

Lust bekommen, auch mal durchzublättern? Kann ich jedem, der sich für solche Gebiete interessiert, empfehlen. Autor Christian Krumm hat aber noch mehrer Titel auf Lager. Die anderen werde ich bei Gelegenheit auch mal durchblättern. Zunächst ist aber erstmal der Pflichtklassiker „Kill Your Friends“ dran. Schande über mich, dass ich den bisher noch nicht gelesen habe….

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