Slash und der Nasenhaartrimmer

Oder: Ich nehme meinen Kosmos auf die Schippe

 

Alles nur ein wirrer Fiebertraum?

Ich bin auf dem Weg zum Rainbow Fest. Es ist das größte Musikfestival, das jährlich im Einhornhaarland stattfindet. 53 Stunden Flug im Spaceshuttle habe ich hinter mir und laufe nun endlich über die blaue Wiese zu dem mir zugewiesenen Campingplatz. Mein Zelt auf dem Rücken, in einer Hand meinen Koffer, in der anderen mein Handy, das in dieser Sphäre leider nur schlechten Empfang hat. Zum Bilder machen reicht es aber.

Ich komme also an und packe meinen Koffer aus. Als erstes hole ich die Duftkerze heraus. Da ich von Dixis umgeben bin, werde ich ohne den wohlriechenden Duft von Pfirsich-Kokosnuss keinen Schlaf finden können. Ich habe mich für diesen Geruch entschieden, weil ich ihn bis zum letzten Sommer immer am liebsten als Deo benutzt habe. Gab es von Balea. Jetzt haben sie das Produkt wohl aus dem Sortiment genommen. Ich bin tot unglücklich, verfluche das Konsumleben und gebe mich mit dieser Duftkerze von Yankee Candles zufrieden.
Als nächstes kommt meine aufklappbare Tür zum Vorschein. Hier auf dem Rainbow Fest läuft oft bis spät in die Nacht laute Musik. Wenn ich die Tür vor mein Zelt lehne, wird der Schall abgehalten und ich habe meine Ruhe. Außerdem wird das Zelt dadurch zum Haus und dadurch, nunja, innen etwas geräumiger. Wer es nicht glaubt, hat wohl noch nie Harry Potter gesehen… Was hab ich noch dabei? Oh, einen H&M-Katalog. Den werde ich später zum Feuer machen benutzen, aber es kann ja nicht schaden, sich vorher über die neusten Trends der kommenden Monsun-Saison zu informieren. Vielleicht gibt es ja endlich mal Raumanzüge in anderen Farben als schwarz und rosa Camouflage.
Einen Zylinder habe ich auch dabei. Gegen die drei grellen Sonnen, die in verschiedenen Farben scheinen und der Kopfhaut ziemlich zusetzen. Meine Landkarte von Tasmanien hole ich besonders vorsichtig heraus. Morgen Abend spielen die Tasmanian Devils auf der Mainstage und ich will mir die Karte unbedingt von ihnen unterschreiben lassen. Der Triangelspieler ist sooo süüß! Sollte ein anderes Mädchen meinen, ihn mir streitig zu machen, werde ich Gebrauch von meinem Volleyballschläger machen! Der ist eigentlich zur Verteidigung gegen konkurrierende Groupies oder Einhörner gedacht, die keine Lust mehr haben, als dressierte Deko in den Ecken des Festivals zu stehen und durchdrehen. Auf dem Hinflug ist mir aber klar geworden, dass er dieses Jahr wohl eher als Requisite für einen Harley Quinn-Lookalike Contest taugt.
Oh, Moment mal? Volleyballschläger? Ich dachte, ich hätte den Baseballschläger eingepackt. Aber der hier tut’s auch.
Die letzten beiden Dinge, die ich aus meinem langweiligen schwarzen Koffer, der aber mein Lebensmittelpunkt ist, heraus fische, sind ein geheimnisvolles kleines Kästchen und eine Dose Ravioli. Ravioli müssen einfach mit auf jedes Festival! Ich konnte sie gar nicht zuhause lassen. Erst recht nicht diese. Die sind nämlich vegan, gluten- und laktosefrei! Das muss mir erst mal eine Bloggerin nachmachen.

Ich baue mein Zelt auf (es ist ein Wurfzelt, also keine große Sache) und setze mich dann davor auf meinen seidenen Klappstuhl in Schlangenlederoptik. Es weht ein frischer Wind von oben. Die Mode im H&M-Katalog gefällt mir gut. Vielleicht sollte ich ihn doch nicht verfeuern.
Unter meinem Stuhl steht das geheimnisvolle kleine Kästchen. Insgeheim wünsche ich mir, dass es mir gestohlen wird. Andererseits… es verleiht so unglaubliche Macht. Ich schaffe es nicht, es abzugeben.

einhorn_sterne

Plötzlich läuft ein Mann an mir vorbei. Er hat eine wilde dunkle Lockenmähne, trägt eine verspiegelte Sonnenbrille, ist sehr gebräunt und scheint etwas zu suchen. Ich erkenne ihn sofort: es ist Slash! Der Gitarrist einer der besten Bands der Erde, Guns’n’Roses!!
Mir bleibt für einen kurzen Moment die Spucke weg.
Er schaut mich kaum an, fragt aber mit einem irdischen Akzent: „Hast du meinen Hut gesehen?“
Ich schüttele den Kopf. Nein, habe ich nicht. Ich will ihn fragen, wann er den Hut zum letzten Mal gesehen hat – da sieht er meinen Zylinder auf dem Boden liegen.
„Dieser da, der Zylinder auf dem Boden, der sieht genauso aus wie meiner!“ Nun schaut er mich an, fragend und mit zurück gehaltener Wut. „Nur der Gürtel fehlt. Hast du den abgemacht, damit ich ihn nicht erkenne?“
Ich bin verwirrt. Hält er mich etwa für einen Dieb? Soweit ich gelesen habe, hat er den Gürtel doch selbst gestohlen. Also was für ein Recht hätte er, über andere Langfinger zu schimpfen? Aber ich habe ihm den Hut nicht gestohlen. Es ist meiner!

„Nein“, sage ich kleinlaut, „der gehört mir. Ich weiß nicht, wo deiner ist.“
Hätte es im Englischen ein Wort dafür gegeben, hätte ich ihn gesiezt. Denn ein bisschen Respekt habe ich ja schon.
„Okay, Mädel. Hilfst du mir dann, ihn zu suchen?“
Jetzt bin ich erstaunt. Aber natürlich doch.
Also durchforsten wir zu zweit das ganze Gelände, das sich in mehreren Ebenen gen Himmel schraubt. In etwa 122 Metern Höhe schwebt die Mainstage. Bis hier oben haben wir uns durchgekämpft und noch immer nicht Slashs Zylinder gefunden. Langsam werde ich müde.
„Ich fürchte, wir finden ihn nicht mehr“, meint der Gitarrist und setzt sich auf einen Pizzafelsen. „Lass uns ins Backstage gehen und einen Jack Daniel’s trinken.“
Ich bin überwältigt. Wow, er nimmt mich mit in den VIP-Bereich. Wen ich dort noch alles treffen werde? Vielleicht die Tasmanian Devils? Verdammt, ich habe meine Karte nicht dabei, die sie mir unterschreiben sollen.
„Hey, Slash!“, sage ich also, „ich geh nochmal zurück ins Zeltlager. Dort muss ich etwas holen.“ Er nickt.
Auf dem Weg zurück kommt mir eine Idee. Ich sollte dem armen Kerl als Entschädigung für seinen Verlust und als Dank für die Einladung etwas mitbringen. Am besten das kleine, geheimnisvolle Kästchen. Ach, und den Nasenhaartrimmer am besten auch noch. Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Lust habe ich, mir mithilfe der DNA ein eigenes Einhorn zu klonen… also muss ich keinem das Fell abschneiden.

Slash

Ich komme also zu Slash zurück. Ohne Probleme dürfen wir in den Backstagebereich. Dort gebe ich ihm sofort das Kästchen. Er fragt mich natürlich, was da drin ist. Ich nehme all meinen Mut zusammen und öffne es. Slash sieht mich etwas verwundert an, als darin nichts weiter ist als eine sehr alte einzelne Gitarrensaite.
„Was soll das?“, will er wissen.
„Das“, antworte ich etwas stolz und auch ein wenig verschwörerisch, ist die A-Saite von niemand geringerem als Robert Johnson!“
Slash guckt mich an. Ich sehe seine Augen nicht, wegen der Brille. Aber sein Mund schmunzelt. Er weiß, dass das Ding verflucht ist. Wer es bei sich trägt, hat die unglaublichsten Wahnvorstellungen. Der Besitz der Saite verleiht aber auch ein musikalisches Gespür wie es sonst niemand haben kann. Warum sonst würde ich erkennen, mit was für einer Hingabe Timmy von den Devils seine Triangel spielt?!
„Du hast sie dir verdient, weil du ohnehin schon einer der besten Saitenhexer weltweit bist“, erkläre ich vorsichtig.
Slash findet das gut. Er drückt mir einen Jackie in die Hand und prostet mir dann zu.

Was danach noch alles passierte, weiß ich gar nicht mehr so genau. Da alles umsonst war, war ich ziemlich schnell betrunken und wachte am nächsten Morgen in meinem Zelt auf, mit einem großen Filmriss. Immerhin alleine, also konnten es keine zu großen Dummheiten gewesen sein. Mir ist noch ein bisschen komisch, das Gras scheint plötzlich grün zu sein, nicht mehr blau. Mein Kopf tut weh. Ich weiß nicht mehr, welche Bands ich überhaupt gesehen habe. Aber immerhin bin ich endlich das kleine, geheimnisvolle Kästchen losgeworden.

Dieser Artikel wurde nicht gesponsert, aber provoziert vom Seppolog – Dem Irrelevanzlieferant

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Ein Kommentar zu „Slash und der Nasenhaartrimmer

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