Wie verrückt muss man sein, um heute noch Musik zu machen?!

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Julian Angel von Musicbiz Madness im Interview

Wie verrückt, ja gar irre, muss man sein, um in den heutigen Tagen noch Geld mit Musik verdienen zu wollen?! Sagt nicht jeder, das geht nicht mehr? Wie viel Herzblut muss man als junge Band vergießen, um überhaupt noch die Chance zu bekommen, auf einer kleinen Newcomer Bühne gehört zu werden? Ist es richtig, dass man sogar dafür inzwischen Geld bezahlen muss? Wie viele Versuche all dessen laufen ins Leere? Warum?? Und wie kommt man an den einen kleinen Tipp oder die eine kleine Info, die dem eigenen Projekt endlich hilft, auf die Beine zu kommen und durchzustarten?
So ganz weiß das vermutlich niemand. Sonst würden die Probleme ja nicht mehr existieren… Doch Julian Angel von Musicbiz Madness kommt der Sache ziemlich nahe. Er weiß, wo der Hase läuft und verlässt sich dabei nicht auf ein Studium sondern einzig und allein seine langjährige, sehr intensive Erfahrung mit dem Musikgeschäft. Er hat eine Website darüber ins Leben gerufen, die einen der wenigen Newsletter versendet, die ich wirklich lese. Und er richtet jedes Jahr Konferenzen aus, an denen die, die schon Erfolge feiern konnten, ihr Wissen mit den nächsten teilen. Eine Jediritter-Schule des Kreativgeschäfts.
Julian tut sich das an, er ist also verrückt, oder irre (mad). Er möchte diesen allgemeinen Wahnsinn gerne weiter geben, an eine Generation, in der Kreativität mehr zählt als Status und Sicherheit, die also eigentlich den idealen Nährboden für eine breit gefächerte Musiklandschaft liefert. Ihr dürft ihn heute persönlich kennen lernen – und ihn danach gerne mit alle euren Fragen durchlöchern. Oder einfach mal die Seite abchecken. Kostet auch nix.

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Woher hast du die Erfahrung, die dir erlaubt, eine Website / Konferenz wie Musicbiz Madness zu betreiben?

Ich beschäftige mich regelmäßig mit der geschäftlichen Seite des Musikbusiness. Außerdem habe ich inzwischen fünf Alben in Eigenregie veröffentlicht, das sechste kommt bald, und dabei Vertriebswege bis in die USA und nach Japan aufgebaut. Darüber hinaus habe ich Songs und Musiken in Hollywoodfilmen und im US-Fernsehen platziert. Und einem Haufen Dampfplauderern bin ich im Laufe der Jahre natürlich auch begegnet. Die kann ich mittlerweile am „Grüß Gott“ Sagen erkennen 🙂

Weißt du, was für Leute deinen Newsletter abonnieren? Eher blutige Anfänger oder eher Musiker, die schon beide Füße in der Tür haben?

Die meisten Leser kenne ich natürlich nicht persönlich. Zu den MusicBiz Madness Konferenzen kommen aber überwiegend Musiker, die bereits in irgendeiner Weise von der Musik leben und sich verbessern beziehungsweise in neue Bereiche vordringen wollen.

Kennst du einige Bands auch persönlich und förderst sie gesondert?

Ein paar Stammgäste kenne ich inzwischen persönlich. Ein paar grundlegende Tipps gebe ich grundsätzlich jedem gerne, zu mehr fehlt mir aber die Zeit – oder den Musikern das Geld 😀

Fällt es schwer, Tipps und Tatsachen so zu formulieren, dass möglichst jeder sie versteht und sie für ihn oder sie relevant sind? Das heißt, können DJs genau so viel mit deinen Texten anfangen wie Battlerapper oder Metalgitarristen?

Mir hat mal jemand gesagt, ich könne sehr verständlich formulieren, da ich wie ein normaler Mensch schreibe. Auf Schönfärbereien wie „vertikal integrierte Dialogbereitschaft“ verzichte ich sehr gerne. Auch als Zuhörer 🙂
Das Geschäft ist in seinen Grundzügen für jeden gleich, von daher können Musiker aller Genres – hoffentlich – etwas mit meinen Tipps anfangen. Außerdem ist es immer gut, sich in anderen Marktsegmenten umzusehen. Ja, so können dann auch der Battlerapper und der Metalgitarrist voneinander lernen. Wenn sie denn miteinander sprechen, worin ich dann das größere Problem sehe.

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Auf welcher Art von Konzert oder Party trifft man dich privat am ehesten?

Ich gehe selten zu Konzerten, da es in meinem Bereich nur sehr wenig gibt (guter Hard Rock aus den 80ern) und mich die meisten Bands live leider enttäuschen. Und nachdem ja auch die Rockfabrik in Nürnberg dichtgemacht hat, findet das Feiern eher im privaten Rahmen statt.

Ist die ganze Madness Geschichte deine Hauptbeschäftigung?

Nein, das wäre zu viel „Madness“…

Was ist der häufigste Fehler, den junge Musiker begehen?

Um Himmels Willen. Ich versuche, mich kurz zu fassen: Zu viele wollen sich nur voll und ganz auf die Musik konzentrieren. Aber das funktioniert nicht. Viel zu wenige Musiker befassen sich mit den geschäftlichen oder auch rechtlichen Hintergründen. Und dann stehen sie da wie der Ochs vorm Berg, wenn plötzlich eine kurzfristige Anfrage kommt, sei es als Studiomusiker, für einen Gig oder wegen einer Lizenzierung fürs Fernsehen. Dann kommt zu oft die Frage „Ja… wie läuft sowas denn ab?“ – und schon ist die Chance dahin. Und leider fallen immer noch zu viele Musiker auf solche Tipps rein wie „10 geheime Social Media Tricks“. Apropos, Social Media ist eine Ergänzung zum Marketing und sollte keinesfalls als einzige Methode genutzt werden.

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Kann man dein Buch („Kick A**  Music Marketing „) nur als e-Book bekommen?

Bisher ja. Das Thema Musikbusiness interessiert in Deutschland leider nur sehr wenige Musiker, was ich als gravierenden Missstand bezeichne, von daher ist die e-Book Variante mit weniger Risiko verbunden. Das trage ich ja schon bei den Konferenzen…

Was ist der am weitesten verbreitete Irrglaube in der Musikbranche?

Dass Plattenfirmen überflüssig sind. Man kann ganz klar – bedingt – auch ohne Label etwas erreichen. Aber die Arbeit des Labels muss man dann selbst machen. Facebook ist kein Ersatz dafür 🙂

Glaubst du, dass Synch-Rechte und Livekonzerte die Verkäufe von Alben komplett ersetzen können, was die Einnahmen betrifft?

Bei den großen Stars ja, bei Underground Musikern eher nicht. Zumindest nicht Livekonzerte, denn dort „darf“ man ja auch schon gratis spielen. Sync ist hingegen ein geniales Geschäft, vor allem in den USA.

Die Frage, die alle spaltet: hältst du Streaming für sinnvoll?

Es ist im Grunde nichts anderes als Radio on Demand. Früher hatten wir eben Radio ohne Demand. Allerdings war die traditionelle Radiovergütung besser als bei Streaming. Sorgen macht mir der Gedanke, dass Streaming nicht nur das gute alte Radio ersetzt, sondern auch Albumkäufe, egal ob physisch oder digital. Dann gute Nacht, schöne Gegend, denn dann wird selbst ein Star nichts mehr zu Essen haben, sofern er nicht live spielt.

Was würdest du sagen, ist der ideale Preis für einen Streamingdienst, damit es für alle (Kunden, Musiker, Anbieter) stimmig ist?

Ich verkaufe zu 90% physische Tonträger, was wohl ein Kernmerkmal der Rock- und Metalcommunity ist. Danke an dieser Stelle. Streaming ist für mich, auch als Entdeckerplattform, so gut wie irrelevant, von daher befasse ich mich kaum damit. Mit Sicherheit müsste der Preis wenigstens dreimal so hoch sein, um den Musikern vernünftige Vergütungen zu zahlen – oder die Dienste müssten anders abrechnen. Was mich an Spotify, Youtube und Konsorten aber am meisten stört ist, dass sie allesamt ihr Geschäftsmodell aufgebaut haben, ohne zunächst die Lieferanten (Musiker und Labels) zu beteiligen. Erst als sich die Dienste etabliert hatten, wurde über Vergütungen nachgedacht. Bis dahin hatten sich allerdings die Nutzer bereits an niedrige bis gar keine Preise gewöhnt, so dass es schwer war, plötzlich vernünftiges Geld zu verlangen.

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Wie ist deine Meinung zu Musikmachern wie Dieter Bohlen?

Er ist wenigstens ein guter Geschäftsmann 🙂

Welche tote Legende vermisst du am meisten?

Elvis. Den aus den 50er Jahren, wohlgemerkt.

Nenne uns mal drei Newcomer, die wir unbedingt weiter verfolgen müssen 😉

Vitne aus Norwegen, Lick And A Promise von hier um die Ecke, Nik West (wohl nicht mehr ganz neu, aber rundum genial).

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