Lohnt es sich, Mick Walls Guns N‘ Roses-Biografie zu lesen?

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Am 23. Oktober ist es so weit und das neuste Werk von Mick Wall, das scheinbar schon seit Ende 2016 auf Englisch erhältlich ist, kommt auch in deutscher Sprache und in deutschen Buchläden heraus. Solltet ihr es euch bestellen oder nicht? Bei dieser Entscheidung möchte ich euch helfen.

Ich bin oldschool. Ich liebe echte Bücher.

Ich habe die englische Version (deutsche war zum Zeitpunkt meiner Anfrage noch gar nicht zu bekommen, auch nicht für Rezis) „netterweise“ als PDF geschickt bekommen.
Okay, was erlaube ich mir, Forderungen zu stellen… so ein Buchversand muss immerhin bei der Post bezahlt werden und ich könnte es ja an Freunde weitergeben und somit den Verkauf schmälern… aber ich gehöre da einfach zum alten Schlag und liebe es, mich mit einem echten, physischen Buch aufs Sofa zu kuscheln, Tee in der Hand, es zu lesen und anschließend ins Regal stellen zu können. Insofern ist es schade, dass ich es nicht wert bin, ein richtiges Buch geschickt zu bekommen und ich stattdessen ein 437 Seiten langes PDF-Dokument erhalten habe, das ich auf dem Laptop durchscrollen muss. Dadurch hat es sich nach reiner „Arbeit“ angefühlt und ich konnte nicht so schön „in der Story versinken“. Aber ich versuche, diesen Aspekt aus der Bewertung rauszulassen und mich nur auf den Inhalt zu konzentrieren.

gnr last of the giants

Also, für wen ist „Last of the Giants – The True Story of Guns N‘ Roses“ bzw. „Die letzten Giganten“ einen Kauf wert?
Antwort: vor allem, für detailversessene, wissbegierige Die-Hard-Fans.
Es ist weniger geeignet, um die Band kennen und lieben zu lernen als für die, die das schon längst tun und nun wirklich jedes kleine Detail und jede Anekdote wissen wollen.

Ich vermute, der Grund dafür ist der kleine aber feine Unterschied zwischen Biografie und Autobiografie. Eine Autobiografie, also vom Betroffenen selbst verfasste Memoiren, sind, wenn der Schreiber ein wenig Talent hat, sehr lebhaft und einem Roman ähnlich, ab und an etwas unvollständig oder nur-so-wie-ich-mich-erinnere-wahr erzählt.
Diese Biografie, von einem langjährigen Musikjournalisten geschrieben, ist exzellent recherchiert und lässt kein Detail des GNR-Werdegangs aus – doch sie kommt mir hin und wieder zu trocken und aufzählend vor.

Viele kleine Ereignisse…

Die Karriere der Guns und all die Anekdoten an sich sind zum Glück interessant und oft emotional genug, dass man sich trotzdem dafür interessiert, wie es weiter geht. Ich finde es auch ziemlich cool, all diese kleinen Dinge zu erfahren. Zum Beispiel dass David Geffen, der der Band später ihre erste Album-Vorauszahlung von 75.000 Dollar per Scheck geben sollte, früher mal Slashs Babysitter war. Oder dass Duff vor seiner GNR-Zeit in einer erfolglosen Gruppen namens „The Fartz“ spielte [= die Fürze], die es nie über ein Demo herausgebracht haben – und als der liebe Herr McKagan dann später berühmt wurde, verdiente sich jemand eine goldene Nase damit, dieses Album nochmal offiziell rauszubringen. Jeder, der halbwegs in der Branche steckt, muss wohl schmunzeln wenn er dieses und andere Details liest. Da wäre auch noch die Story wie es dazu kam, dass die Bands keine Hotelzimmer mehr zerstörte… oder dass Axl später gerne Halloween-Partys für seine Angestellten und deren Kinder organisierte. Das sind nur ein paar Beispiele für Sachen, die man im Kopf behält.

gnr band
„Autobiografie“-Prinzip. Neblige Erinnerungen und Gefühle.
gnr timeline
„Biografie“-Prinzip..  Analytisch und verschachtelt.

Doch so interessant die (komplette!) Karriere der Gruppe um Axl Rose auch ist, so ermüdend kann es sein, genau aufgezählt zu bekommen, wer wen wann und wo getroffen hat, was er gesagt hat und was er dabei getrunken hat, wie viel Uhr es war und wer in dem Moment gerade welchen Job bekommen und welche Beziehung gebrochen hat. Namen, Orte, Verbindungen, Bands, Agenturen, Songs, Interviewtermine, Instrumentenmodelle,… man ist erstaunt darüber, wie genau Wall die Memoiren der Bandmitglieder und die ihres Umfelds studiert hat und wie intensiv er all die Interviews aus den alten Zeiten ausgewertet hat. Als wäre er Big Brother, der jeden Klogang der Musiker beobachtet hat. Man erfährt wirklich viel. Wer aber auf eine emotional erzählte Story wie beispielsweise bei The Dirt hofft, der ist hoffnungslos verloren. Da half es nicht, dass ich das PDF-Format und die englische Sprache weniger hilfreich für den Lesegenuss fand. Wer unterhalten werden möchte, der lese lieber die Autobiografien. Slash und Duff haben schon eine geschrieben. Ich selbst widme mich als nächstes der Sichtweise der frühen Managerin der Band, Vicky Hamilton.

„Die letzten Giganten“ beginnt in der Kindheit der Gründungsmitglieder und geht über die Auflösung des klassischen Line-Ups hinaus, durch die schwierige Zeit, die Axl in den späten 90ern und 2000ern hatte, bis hin zu den Gerüchten um die Reunion und wie es dann auf dem Coachella mit der „Not In This Lifetime“-Tour losging. Der Inhalt endet also nur kurz vor dem Zeitpunkt der Veröffentlichung des Buches. Respekt für die schnelle Arbeit.

mick wall
Autor Mick Wall kennt die Stars

Fazit: Für echte Guns N‘ Roses-Fans die vermutlich vollständigste Zusammenfassung ihres Lebens. Wer seine Doktorarbeit über die „letzten Giganten des Rock“ schreiben möchte, ist mit dem Werk von Mick Wall sicher auch gut bedient. Wer schnell was nachschlagen will, der könnte die PDF-Version 😛 des Buchs regelrecht als Lexikon benutzen. Und mit den ein oder anderen kleinen Tatsachen und Zitaten hat man auch amüsante Momente.
Mich konnte der Storyfluss aber nicht mitreißen. Es ist teilweise anstrengend, dran zu bleiben. Zu viele beobachtende Details, zu wenig persönliche Gefühle. Und um die geht es ja letztlich bei Musik.

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