All bad things must end: das letzte Hollywood Rodeo

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Die letzten Tage des letzten Jahres. Alle sind im Kopf schon auf Silvester eingestellt, Weihnachten ist gerade vorbei. In dieser ominösen Zeit, die sich „zwischen den Jahren“ schimpft, werden die Pforten des 4Rooms in Leipzig zum aller letzten Mal für die Veranstaltungsreihe „Hollywood Rodeo“ geöffnet.
12 Jahre nach ihrer Eröffnung muss die beliebte Szenekneipe in Reudnitz schließen. Ein neuer Investor hat das Haus gekauft und schmeißt den Mieter (die Betreiber des 4Rooms) in hohem Bogen raus. Was aus dem gemütlichen Eckladen wird? Keine Ahnung…
Von Mannheim nach Leipzig ist es ein weiter Weg, aber dieser Abschied war ein Muss, denn ich hatte es auch vorher noch nicht zum Rodeo geschafft. Allerdings dachte ich auch, dass die Reihe noch ewig existieren würde. Alexx und Helga, die Köpfe hinter der Veranstaltung, erklären später im Interview Genaueres. Doch fast wäre dieses Interview spurlos verschwunden….

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Es war eine anstrengende Hinfahrt. Vier Stunden über die Autobahn bei heftigem Regen. Davon, mit dem Fernbus von Mannheim nach Leipzig zu fahren, kann ich aber gleich jedem abraten. Das wären zehn Stunden, mit ein oder zwei Umstiegen und keinen Cent günstiger… Vor Ort also erst mal auf’s Sofa setzen, quatschen und dann in der wunderschönen Innenstadt die letzte Gelegenheit zum Glühweintrinken nutzen :3
Viel Zeit hatte ich nicht mehr mit meiner Truppe, ich machte mich auf den Weg zum 4Rooms, um noch das Videointerview mit Alexx und Helga zum Thema Goodybye Hollywood Rodeo zu machen – doch es kam anders, als erwartet.

Vor Ort wurde die Zeit knapp und noch während wir quatschen, musste eigentlich schon der erste Act, Eric13 mit seiner Akustikgitarre, auf die Bühne! Zu allem Überfluss hörte ich auch noch plötzlich: „Ähm, dein Akku von deiner Kamera ist leer.“
Was?!? Aber ich hatte doch extra neue Batterien eingelegt!
Ein paar Testfotos machen. Funktioniert. Aber das Video hat sich trotzdem selbst unterbrochen. WTF?!

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Electric Acid
Electric Acid. (Quelle: facebookseite der Band)

Egal, das würde man auch anders lösen können. Jetzt waren die Bands dran und der Laden füllte sich. Was soll ich sagen. Obwohl ich noch nie dort gewesen war, fühlte ich mich gleich wie zuhause. Das 4Rooms ist so schön gemütlich. Mit vielen Sitzgelegenheiten, Vorhängen, Sofas, Bücherregalen. Die Bands spielten auf einer kleinen, dunklen Bühne, fast mitten im Publikum. Man konnte sie auch aus dem Vorraum, dort wo die Theke, Merch und all die Bücher sind, hören. Es war ein super entspannter Abend mit vielen Freunden und bekannten Gesichtern. Eine Location, in der man tanzen, aber auch mal längere Gespräche führen kann, aus denen sich interessante Ideen ergeben. Wirklich schade, dass das platt gemacht werden soll. 

Im Programm waren neben Solosänger Eric (bekannt von den Sex Slaves und Combichrist), die Bands Loveshocks (Interview hier), Shootout, Electric Acid und Snakebite. Viel gesehen hat man von ihnen wirklich nicht, über die Beleuchtung im Club lässt sich streiten 😀 Aber vor allem die Loveshocks haben mich von sich überzeugt. Passen halt am besten in den typischen Foxxy-Geschmack 😉 Am Ende hat’s aber die Mischung gemacht, denn jede Band klang anders und verbreitete auch eine etwas andere Stimmung. Im Interview erfahrt ihr genaueres über die Stilrichtungen der Acts. Gerne hätte ich in diesem Rahmen noch eine Horror-mäßigere Gruppe gesehen, doch die Chance habe ich wohl verpasst. 

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Gegen Mitternacht war es dann so weit. Foxxy wurde hundemüde. Keine typische Alkohol-symptome wie Mist labern oder schwanken oder irgendwas in der Art. Nur so müde, dass mir die Augen zufielen. So eine stundenlange, hochkonzentrierte Autofahrt ist nicht ohne. Und dann pausenlos in die Party rein… Verdammt, was hätte ich gerne noch länger gehört, wie Madame Violett auflegt. Aber ich wäre wohl im Stehen eingepennt xD Ich legte mich aufs Sofa im Backstage, genau neben meine Tasche mit der Kamera – und als ich die Augen wieder aufmachte, war meine Cam weg. Samt Tasche, Stativ und meinem Schlüssel!
Ich war schlagartig wach und leider etwas panisch. Denn ich hatte zwar eine Bleibe für die Nacht, wollte aber den nächsten Tag (Silvester) mit und bei meinem Freund verbringen. Dazu musste ich erstens quer durchs Land nach Paderborn kommen und zweitens waren all meine Klamotten für die Zeit, mein Laptop, mein Schlafsack usw. im Auto eingesperrt -.- Das ganze stellte sich als ein schlichtes Versehen heraus. Eine Band hatte die Tasche für Equipment gehalten und in den Van geladen. Da fielen mir tausend Steine vom Herzen. Ich musste in der Nacht und am morgen aber die ganze Rodeo-Welt nerven, denn an den nachfolgenden Feiertagen konnte kein Schlüssel etc. per Post verschickt werden und an einen boswilligen Diebstahl aus dem Backstagebereich und quasi unter Freunden wollte ich gar nicht erst denken. DANKE also nochmal an alle, die die Sache gerettet haben! ❤

Es war dann übrigens noch ein wunderschöner Tag. Warm, sonnig, ruhig, in Vorfreude auf das neue Jahr. Mittags noch alle müde auf den Sofas und Matratzen in Nats berüchtigtem Wohnzimmer. Chinesisches Essen, dumme Witze, Kaffee. So kann ein Tag gerne beginnen.

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Jetzt aber gebe ich das Wort an die beiden Helden des Abends. Wie das Interview doch noch zustande kam? Betriebsgeheimnis… :p

Welche Rolle spielt ihr beiden hier?

Alexx: Wir sind die beiden Köpfe hinter dem Rodeo. Ohne uns zwei säßen wir und all die Leute jetzt nicht hier. Ich mache in erster Linie die Organisation mit den Bands und dem 4Rooms und Helga… ohne ihn wäre ich aufgeschmissen. Er ist meine rechte Hand, das Gewissen und irgendwie das Mädchen für alles, speziell zu den Shows. An dieser Stelle daher auch noch mal meinen Dank für die jahrelange Unterstützung. Auch wenn man ihn zum Aufhängen des Tarnnetzes, das heute nicht im Dienst ist, meist antreiben musste. 😉

Helga: Ich kümmer mich vor Ort um alles, was so anfällt. Ich schau, dass sich die Bands wohl fühlen an dem Abend. Aufgelegt hab ich auch schon, anfangs regelmäßig und dann immer mal wieder. Mich trifft man auch mal am Einlass, wenn da Not am Mann ist.

Alexx: Du hast auch das Rodeo After Dark organisiert.

Helga: Ja, das haben wir letztes Jahr hier im 4Rooms veranstaltet, um auch mal was Richtung Wave zu machen.

Wann und wie kamt ihr auf die Idee für das Hollywood Rodeo?

Alexx: Angefangen hat mal alles Ende 2006 als Street Team für die Wave Party in Jena. Das hat sich bei mir dann zur Zusammenarbeit mit Timur entwickelt. Da wir beide damals auf Horrorpunk standen, sehe ich unsere Show mit den Crimson Ghosts im November 2008 immer als Startschuss fürs Rodeo, auch wenn’s noch nicht so hieß. Da Timur dann mit dem Cafe Wagner über Kreuz lag – einige Jahre später sollte es mir genauso gehen – und somit diese Art Konzerte in Jena wegzufallen drohte, habe ich mich mit meiner damaligen Freundin, die im Wagner arbeitete, zusammengetan. Resultat war dann das Graveyard Rodeo. Aus diesem wurde dann einige Jahre später, dann schon in Leipzig, das Hollywood Rodeo, da sich der Fokus neben dem weiterhin vorhandenen Horrorpunk vor allem dem Sleaze und Hair Metal zuwandte.

Helga: Ich war erst ab dem zweiten Rodeo im Team und habe damals die Aftershow Party gemacht. Beim ersten Rodeo war ich mit Holy Madness da und habe für sie das Merchandise gemacht.

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Warum muss es nun aufhören?

Alexx: Um mal die Väter aller Sleazebands zu zitieren: All bad things must end. 😉 Der Aufhänger ist natürlich die traurige Nachricht, dass das 4Rooms in dieser Location schließen muss, sofern nicht noch ein Wunder passiert. Vielen Dank Gentrifizierung! Von meiner Seite aus ist aber seit einiger Zeit auf dem Niveau das meiste gesagt. Zudem ist das hiesige Metalpublikum und speziell einige Musiker kleinere Bands äußerst versnobt. Wer selber in ’ner Band spielt, vom Eintritt lebt und dann bei uns am Einlass rumpöbelt, dass 10€ für 4 Bands völlig überzogen wäre, sollte sich mit seiner Gitarre in seinem Keller einschließen, so dass mir persönlich manchmal der Support fehlte. Natürlich kann das auch daran liegen, dass die Szene für die von uns angebotene Musik sehr klein ist und davon abgesehen nicht jedermanns Sache. Horrorpunk ist leider bis auf an Halloween ziemlich tot. *lol* Alles in allem kam somit immer mal und jetzt speziell die Frage auf, warum ich so was organisiere, wenn’s, übertrieben gesagt, keinen interessiert. Tatsächlich merke ich gerade heute, dass es einige Die Hard-Fans gibt und speziell „unsere“ Bands zumeist zu schätzen wissen, was wir hier machen. Und nur um etwaige Missinterpretationen zu widerlegen: Wir verdienen keinen Cent. Das ist alles DIY und was die Leute bezahlen geht in den Tank der Bands. Kurz gefasst gab es also einige Gründe mich nicht auf die mühselige Suche nach einem neuen Club zu machen. Besser als hier kann’s auch nicht werden. Der Laden ist geil und der Support der Crew phänomenal. Da ich das Gegenteil im Wagner kennen gelernt habe bin ich dafür äußerst dankbar.

Helga: Von meiner Seite kann ich sagen, dass es nicht aus geschlossen ist, dass ich in Leipzig weiterhin das ein oder andere Konzert veranstalten werde, aber da muss eine neue Location gefunden werden.

Alexx: Es kann auch bei mir sein, dass es mich irgendwann wieder juckt. Wenn die Bedingungen stimmen und sich vielleicht noch einige Mitstreiter und eine passende Location finden, dann sag ich sicher nicht nein. Dafür macht es dann doch zuviel Spaß und ich habe noch Bock auf einige Bands!

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Der Oscar für die besten Gesichtsausdrücke geht an…
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!!!

Das 4Rooms ist die Location. Aber was ist dann der Ghouls Club?

Helga: Für mich heißt der Ghouls Clubs Freundschaft zu Alexx und kleinere Bands mit Gigs in Leipzig zu unterstützen.

Alexx: Das war damals einfach der Aufhänger zur Präsentation der Konzerte. Zum Horrorpunk passte das aus meiner Sicht super und dann stand das eben.

Könnt ihr die Bands, die beim letzten Mal aufgetreten sind kurz beschreiben?

Helga: Ich würde sagen: Horror, blutig, punkig und sleazy.

Alexx: Tatsächlich ist unser Programm heute mal wieder sehr breit gefächert. Snakebite als klassischer Hair Metal und Electric Acid als 70er Classic Rock. Dazwischen Shootout mit ihrem poppigen Hard Rock und Loveshocks mit ihrem Sleaze Punk Rock. Als Kirsche obendrauf dann Eric 13 von den Sex Slaves/Combichrist akustik.

Wen hattet ihr sonst schon so im Programm?

Alexx: Holy Madness… hahaha. Die kriegen zumindest den Preis für die meisten Teilnahmen. Es waren schon einige. Manche kamen wieder, manche wollten wir noch mal. Eine komplette Auflistung findest du auf unserer facebook-Seite. Highlights waren sicher die Bloodsucking Zombies erstmals nach Jena zu holen, The Fright, mit denen wir irgendwie zusammen größer geworden sind, Nasty Nuns, Zombiesuckers… Besonders in Erinnerung sind mir Rusted aus Kanada und Bloody Heels aus Lettland geblieben. Letztere sind für die eine Show zwei Tage gefahren und haben den Laden abgerissen. Ansonsten sind wir in Italien besonders beliebt, Superhorror, mit denen wir in ganz Deutschland Konzerte organisiert haben, Speed Stroke, Cream Pie… Snakebite sind heute übrigens im vierten Versuch das erste Mal mit dem selben Leadgitarristen hier. Sonst haben die unsere Shows nicht überlebt. 😉 Da sind schon einige Freundschaften entstanden.

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Loveshocks.

Macht ihr selbst Musik?

Alexx: Nein. Wobei der Rodeo-Running-Gag wohl die Frage ist: In welcher Band spielt Alexx? Die Antwort ist: In allen. Über die Jahre habe ich schon so einige mehr oder minder gelungene Gesangsdarbietungen abgeliefert. Doch das ist aus meiner Sicht auch etwas Tolles an kleinen Clubshows. Man kann einfach mal zu den Bands auf die Bühne.

Helga: Nee ich mache keine Musik selbst. Ich bin nur Musik Fan und unterstütze Bands bei der Suche nach Gigs.

Gibt es in der Region Alternativen für Fans eurer Reihe?

Alexx: Leider nicht. Das war ja auch der Aufhänger die Shows zu machen, damit man was in der Richtung hat. In den letzten Jahren sind sporadisch mal einige auf den Zug aufgesprungen, aber wohl auch schon wieder runter, da sie gemerkt haben, dass man damit nicht reich wird.

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Wenn nicht in Leipzig, wo dann vielleicht?

Alexx: Werbung für andere? Niemals… hahaha. Also das nächste ist von hier natürlich das Paunchy Cats… und das war’s dann auch. Für die kleineren Bands, die wir gemacht haben, gibt es leider in ganz Deutschland nur ’ne handvoll Anlaufstellen.

Was ist euer Lieblingsgetränk?

Helga: Wasser, Wodka oder Pfeffi

Alexx: Kaffee, gezuckert, gekühlt, mit Milch. Ha, das ist doch mal Rock’n’Roll! Du wolltest sicher auf Alcoholica raus. Tatsächlich Bier, wenn auch nicht dieses hier. *zeigt Ur-Kostritzer Flasche*

Und das beste Festival außer dem Hollywood Rodeo ist…?

Helga: Das Rebellon Festival in Blackpool  und das Campus Noir in Ilmenau, das Freunde von mir veranstalten. Auch da ist der Rahmen kleiner gehalten.

Alexx: Ich bin kein Freund von Festivals, daher kann ich die Frage nicht gut beantworten. Der Paunchy Cats Geburtstag, das Sleazefest oder das Glam’n’Sleazefest sind cool, weil das von der Szene für die Szene ist. Was noch mal cool wäre, wäre das Fiendfest… Thorsten!!! (Rod Usher – Sänger von The Other)

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Wir sagen Tschüss!
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4 Kommentare zu „All bad things must end: das letzte Hollywood Rodeo

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