„Der Aufstrebende“

Networken, Networken, Networken!
Wird uns immer gesagt.
Wird euch allen immer gesagt, wenn ihr etwas Kreatives erschaffen wollt.
Kooperation, Kooperation, Kooperation!
Heißt es an allen Ecken.
Heißt es von allen Ratgebern, die eure Fanbasis steigern wollen.

Dabei ist das Kennenlernen neuer Menschen gar nicht das Problem. Ein Bier. Ein witziger Kommentar. Eine gut formulierte E-Mail. Das reicht schon.

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Das, was schwierig ist, ist dieses Netzwerk ‚auszunutzen‘. Wirklich darauf aufzubauen und es zu riskieren. Will man wagen, jemanden den man mag, um einen Gefallen zu bitten, der vielleicht zu groß ist? Will man überhaupt zugeben, dass man sich einen Gefallen wünscht, ihn gar braucht? Was, wenn man ihn nie erwidern kann?

Und ist es überhaupt immer gut, „weiter“ kommen zu wollen? Oder sollten wir lieber anhalten und froh über das sein, was um uns herum ist? Vielleicht sogar umkehren, weil der Weg dann plötzlich so schön leichtfüßig ist?

Ich schreibe niemandem etwas zu und berufe mich hiermit auf die Kunstfreiheit. „Der Aufstrebende“ ist nur ein Gefühl, kein Faktum.
Denn Ausnahmen bestätigen die Regel und ich bin selbst immer wieder überrascht, wie cool diejenigen sind, die sich längst erlauben könnten, hochnäsig zu sein. Also Musiker, die man nach den Shows trifft, die Strippenzieher hinter den Events und so weiter. Ich mag es, wenn die jeweiligen „Rollen“ dabei in den Hintergrund geraten und man einfach nur mal Fan derselben Musik, Mitglied desselben Freundeskreises sein kann. Wie sehr es sich viele zu Herzen nehmen, einfach Mensch zu bleiben.

Doch ich habe auch das erlebt.

Stell dir vor, du bist musikalisch und spielst Gitarre seit deiner Kindheit. Zuhause auf dem Dorf warst du immer der Held. Wenn jemand musikalische Begleitung brauchte, ein Geburtstagsständchen singen wollte, wenn eine Feier anstand – du warst der erste, der gefragt wurde.

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Davon beflügelt hast du dich weiter in die Sache gestürzt. Hast angefangen, im weiteren Kreise zu spielen. Deine Sachen auf Soundcloud hochzuladen. Spielst Cover vor der laufenden Handycam. Deine Freunde feiern dich noch immer.
Doch in der Öffentlichkeit geht es dann los.
Du bist ja viel zu langsam. Du spielst ja nur die Standardsongs. Deine Stimme ist zu kratzig. Besorg dir mal ne ordentliche Gitarre. Dummer Hipster. Möchtegern Rocker.

Dann bist du Opener einer Show. Der Headliner des Tages ist einer deiner Helden. Du bist so stolz und glücklich. Doch als du auf die Bühne gehst, merkst du sofort: Dich will hier keiner. Die warten alle nur auf den, der nach dir kommt. Totales Desinteresse.
Früher auf dem Weihnachtsmarkt und beim Schulkonzert, da haben sich die Mädchen auf deinen Song gefreut und die Jungs wollten Tipps von dir. Jetzt hast du das Gefühl, dir jeden Zuhörer erbetteln zu müssen.

Die Fans kommen nach der Show an und wollen ihre Fotos mit dem Headliner schießen. Du lässt es lieber bleiben. Obwohl du selbst auch ein Fan bist, weiß er ja jetzt, dass du Ambitionen als Musiker hast. Das heißt, du würdest mit dem gemeinsamen Bild doch nur dein Image pushen wollen. Vielleicht solltest du es trotzdem versuchen. Ihr habt euch doch beim Soundcheck vorhin so gut verstanden. Aber nachdem der arme Kerl 300x wie eine Wachsfigur in die Kamera lächeln sollte, lässt du es lieber.

Guck mal, wie weit du es schon geschafft hast! rufen sie zuhause.

Körperlich hast du es auf ‚die große Bühne‘ geschafft, das ist richtig.
Aber psychisch liegst du tiefer unten denn je.

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Ein Kommentar zu „„Der Aufstrebende“

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