suitcase

Ich sitze in einem Pizza Hut mitten in Sheffield, England. Ein Mann kommt auf unsere kleine Gruppe zu und fragt, ob er sich dazu setzen kann, da er niemanden zum Unterhalten hat. Und wir sind offensichtlich aus demselben Grund hier wie er: dem HRH Sleaze Festival.
Er kommt aus Polen, wohnt jetzt in Norwegen. Er fragt uns, ob wir jemanden kennen würden. Nennt nur den Vornamen, aber ich weiß sofort, wer gemeint ist und sage ja. Dann erzählt er, dass er mit seiner 10-jährigen Tochter auf dem letzten Sleaze Fest in Bochum war und ob wir auch dort gewesen wären. Jetzt wo er es sagt, kommen auch die Erinnerungen an das kleine Mädchen wieder hoch und ich merke: Die Welt ist klein und doch so groß.

Heute soll es darum gehen, wie das ist, wenn man als Fan über Länder- und Gewässergrenzen reist, nur um bei einem Musikevent dabei zu sein. Dabei nicht bezogen auf die großen Tourneen der Weltstars, sondern auf Veranstaltungen, bei denen am Ende gefühlt jeder jeden kennt. Es sind Reisen ohne viel Luxus. Sie fügen sich irgendwie nahtlos in den Alltag ein und sind doch etwas Besonderes.

Kommt mit nach England!
Ich will euch ein bisschen was erzählen. 🙂

union jack

Der Grund der Reise war das HRH Sleaze Festival in der O2 Academy Sheffield.
HRH steht für Hard Rock Hell und ist eigentlich eine ganze Reihe solcher Events, immer mit einem leicht anderen Schwerpunkt.

Wie der erste Tag meiner Reisegruppe aussah, kann ich euch nicht sagen. Die verließ nämlich 24h vor mir ihr Zuhause, beziehungsweise die Arbeit, und flog in den frühen Morgenstunden des Freitags los.
Ich hatte ein bisschen Angst, das Weckerklingeln samstags um halb 5 zu verpassen und verfiel deswegen in einen komischen leichten Halbschlaf voller wirrer Träume. Trotzdem war ich hellwach, als ich nur mit einem Rucksack bepackt (günstigstes Ticket bei Ryanair) in der morgendlichen Stille in den Spätsommer lief. Nur wenige Partyheimkehrer und andere Frühaufsteher irrten durch die Straßen. Die Welt war dunkel, roch frisch und war auf Pause geschaltet.
So früh aufzustehen bedeutet für mich fast immer Reisen und deswegen fühlt man sich plötzlich total entspannt. Ich hatte nur die Sorge, ob die S-Bahn zum Flughafen auch rechtzeitig kommen würde. Denn ich musste an der Messe umsteigen und um diese Zeit fahren die Bahnen nur jede halbe Stunde. Darauf kommt es am Flughafen aber an! Bis auf die Tatsache, dass ich die Größe des Kölner Flughafens unterschätzt hatte, lief dann aber alles glatt und nur der letzte Zug von Manchester Airport nach Sheffield hatte eine kleine Verspätung.

travelling

Also für die 2-3 Tage reichte der Rucksack voll und ganz aus. Vor allem, weil ich T-Shirt, Pulli, Jacke, Strumpfhose und Jeans gleichzeitig an hatte… war etwas warm. So ganz ohne Kofferbalast fühlt man sich aber sehr befreit. Im Zweifelsfall hat man ja immer noch seine Reisegruppe, um Dinge zu leihen und befindet sich außerdem mitten in einer Stadt, wo zur Not auch mal gerissene Schnürsenkel ersetzt werden können. 😉
Es hätte, laut Wetterbericht, eigentlich auch noch kälter werden sollen als es letztlich war. So reichten die Klamotten erst recht. England halt. Scheinbar ist das Wetter dort unberechenbar.

Meine Gruppe bestand aus 7 Personen, die aus 4 verschiedenen Ländern anreisten: Deutschland, Schweden, Dänemark und direkt aus England. Wir wechselten Sprachen so häufig wie wir atmeten. Es entstand ein lustiger Kauderwelsch, aus dem sich DER Running Gag des Trips entwickelte: „Blowjob?“

Die deutschsprachigen Mitglieder der Gruppe unterhielten sich darüber, wie man schnell Geld verdienen könnte. Eine Möglichkeit dazu sind nun mal Blowjobs. Natürlich hatten wir das nicht ernsthaft vor! Aber James, der kein Deutsch verstand, merkte an, dass sich alles nach Blablabla anhörte – nur immer wieder zwischendurch fiel ein Wort, das er verstand: Blowjob.
Die Überschrift des Ausflugs war geboren.

reisegruppe blowjob

Übrigens war bei der Anreise alles gut gelaufen. Reisepass wurde akzeptiert, ich bin in keiner Bahn eingeschlafen, Flieger ist sicher gelandet, kein Sprengstoff in meinem Rucksack gefunden und nach Drogen wurde in auch nicht durchfilzt. Ein paar mehr Sachen muss man halt doch bedenken, wenn man zum Konzert fliegt statt mit der S-Bahn zu fahren.
„Merkwürdige“, einfach andere Dinge, die einem gleich in England auffallen: 1. In den Stores gibt es oft 3 Dinge zum Preis von 2. So kam ich gratis an einen Eyeliner. 2. Leider gilt das auch für Essen, vor allem für ungesunde Dinge. Zur Pizza gratis Salat und Beilage zu bekommen, ist zwar schön, aber scheinbar macht England da bald den Amis Konkurrenz, was große Menüs, ungesunde Drinks etc. angeht. 3. Es scheint weniger öffentliche Mülleimer zu geben als in Deutschland.

Haarspray Klischees gone international

Es war eine ähnliche Truppe wie schon im Januar in London. Zwei, die jetzt dabei waren, Maria und James kannte ich vorher gar nicht. Aber das ist auch eine schöne Sache, an diesen Festivalreisen: Sowas ist sch****egal! Andere Metalfans sind nur Freunde, die du noch nicht kennst. Am Flughafen zwar noch nicht, doch schon im Zug nach Sheffield fielen mir weitere Personen auf, die ganz bestimmt das gleiche Ziel hatten wie ich. Bei einer sah ich , weil wir direkt nebeneinander standen, die Trench Dogs auf dem Lockscreen ihres Handys. Man erkannte sich aber auch so – an Shirts, bunten Haaren, Tattoos und Animal Prints. Noch bemerkenswerter ist, dass man manche dieser Besucher sogar von zuhause kennt obwohl man nicht zusammen gereist ist.
Da das HRH Sleaze für das Genre eine relativ große Veranstaltung ist, sah es in den gesamten Straßen lustig aus. So viele Männer mit langen, hochgesprayten Haaren und Boots sieht man selten. Es war crazy, man wusste gar nicht, wer jetzt zu irgendeiner Band gehörte und wer nicht, und auch die bekannteren Künstler mischten sich fröhlich unters Volk. Ob nun wörtlich gemeint oder nicht, sei mal dahingestellt.

The Cruel Intentions - ADAGIO TV RUSSIA
Eine der auftretenden Bands: The Cruel Intentions

Um hier an ein weiteres Klischee anzuknüpfen, dass erfolgreiche Rockstars in ihrer Anfangszeit oft in ärmlichen, beengten Verhältnisse gelebt haben: Wir hatten in unserem Airbnb, in dessen Eingangshalle jeden Tag die kuriosesten Dinge herum standen, weniger Betten als Leute… man weiß sich dann halt mit Decken, Matratzen und Sofas zu helfen.
Dafür hatten wir eine spektakuläre Aussicht aus dem 10. Stock mit einer vollen Glasfront im Wohnzimmer. Und auch so war das Zimmer echt cool. Nichts Besonderes, aber für uns perfekt und viel komfortabler als ein Zelt im Regen. Kurz schien es zu schneien. So sah es zumindest aus vor dem Fenster. Wetter in England.

Das Festival ist, wie ich bereits erwähnt hatte, eines der größten reinen Hair Metal Events in Europa. Demnach war auch das Lineup entsprechend groß und vielseitig. Dennoch kannte ich viele Bands noch nicht. Zwei habe ich für mich ganz neu entdeckt: die Dust Bowl Jokies und Tyla and the Dogs D’Amour. Scheinbar hat das Festival eine Schwäche für Hunde, es gab noch mehr Bands mit Dogs im Namen. Zum Beispiel die Trench Dogs, die ja eindeutig polarisieren, aber eine super Show ablieferten. Frontmann Andy kann nach dem, was ich so gehört habe, ziemlich schwierig bis aggressiv sein. Doch auf der Bühne macht er sich seine überbrausende Energie und den Aufmerksamkeitsdrang zunutze. Die Dogs D’Amour sind schon etwas erwachsener und gefestigter. Sie hatten den letzten Slot am Sonntag und mussten daher damit kämpfen, dass manche Gäste schon wieder weg und ins Bett mussten. Aber ich werde sie ab jetzt genauer unter die Lupe nehmen. Beide Dog-Gruppen haben übrigens einen leicht bluesigen Style und tragen wundervoll exzentrische Retroklamotten.

hrh sleaze 19

jocke group

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Trench Dogs

Die Dust Bowl Jokies kannte ich auch nur oberflächlich und auch wenn ihr Sänger etwas zu sehr nach Sunnyboy aussah auf der Bühne, machten sie schon nachmittags eine ordentliche, unterhaltsame Show. Auch Vain schaute ich mir an. Sie hatten das Pech, dass sie nach Crashdiet an der Reihe waren und Davy ist einfach nicht so ein unterhaltsamer Showman, wie ein Andy Hekkandi oder Gabriel Keyes. Ebenso Knock Out Kaine. Schöne Musik, aber zu wenig Feeling auf der Bühne.
Zu den Cruel Intentions habe ich mir leider keine Notizen gemacht. Spricht aber dafür, dass wir ganz vorne und voll dabei waren. Eine der wenigen Bands, von der ich bei diesem Festival viele Songs mitsingen konnte.

We are the Legion

Getoppt haben das eigentlich nur zwei Gruppen.
Nun gut…..
Zu Crashdiet muss man an sich nicht viel sagen. Die Jungs haben es einfach drauf, haben die aktuelle Szene stark geprägt, Gabriel wächst in seine Rolle rein und ich freue mich schon, wenn Team Toastbrot im Oktober gemeinsam das Konzert in Köln besucht. Vielleicht sollte ich sagen, dass ihr Song „Rust“ Livepremiere feierte. Video gibt’s weiter unten.
Eigentlich bin ich auch ein großer Verfechter von „Peace, Love & Happiness“ und ich liiiebe dramatisches Show-Getue und Gesten der Freundschaft.
Dementsprechend habe ich mich gefreut, als Olli die Band ansagte und es klar wurde, dass er mit Gabriel ein Duet singen würde. Meine Gedanken: „Yeah, sie werden erwachsen! Sie kommen über Differenzen hinweg. Sie machen gemeinsam Musik. Jippie!“
Doch leider nutzte Olli die Show etwas zu sehr für sich und zog sich, obwohl er nur einen Song sang („In the Raw“), natürlich sofort sein T-Shirt aus. Gabriel stand daraufhin da und wusste nicht so recht, was er tun sollte.
Schade drum, denn wie gesagt, an sich finde ich solche Kooperationen cool.

olli gabriel

Reckless Love hatten am nächsten Tag eine eigene Show. Die spaltete unsere Gruppe ein bisschen. Die eine Hälfte war mitten im Geschehen, die andere hielt sich ganz hinten zurück und schüttelte mit dem Kopf.
Was soll ich sagen. Ich höre sie halt gerne. Zum Spaß. Weil ihre Songs gute Laune machen. Weder verachte ich sie, noch sind sie meine Götter. Der mega Plot Twist wäre es, wenn ich jetzt plötzlich mit Olli durchbrennen würde oder so was.. hmm *denkt nach* 😀

Nach der letzten Band des Tages kann man super ins „The Dove & Rainbow“ gehen. Das ist eine Bar direkt um die Ecke der O2 Academy, wo es Regenbogenshots und Cocktails gibt, die nach Pokémon benannt sind. An den Tagen des Festivals wurde ein cooler Mix aus Glam Metal und Gothic gespielt. Das war ganz nett. Aber „Team Langweilig“ bestehend aus Mara, David und mir ging schon recht früh zurück ins Zimmer. Dort gab’s dann einen Mitternachtssnack und den Beweis dafür, dass man mindestens drei Festivaltouristen braucht, um eine Packung Käsemakkaroni zu kochen.

dove and rainbow

amara airbnb

Als wir Montag morgens aufstanden, war wieder alles so dunkel und gedämpft wie am Tag meiner Abreise. Stille. Billiger Kaffee aus einem Automat. Eine nachgestellte Harry Potter Szene an dem Tag, als in Hogwarts das neue Schuljahr beginnen würde. Verabschiedungen. Dann am Handy erst mal gucken, was in den letzten Tagen zuhause so passiert ist. Und dann der ganze Spaß mit Sicherheitscheck überstehen, wach bleiben und Gate finden nochmal… *räusper*

Als ich heim kam, hatte ich zum Glück einfach den Rest des Tages frei. Ich legte mich mit Tee (very british) aufs Sofa und schaute „Almost Famous“. Nicht very British, aber passend zur Atmosphäre. Zum Glück verlief unser Flug glimpflicher als der im Film.

mit amara
Strange kind of soulmates

hrh sleaze neu

Ein Kommentar zu „Wie es ist, für ein Konzert übers Meer zu reisen

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