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Kolumne

Zum Jahreswechsel macht sie sich jeder – die guten Vorsätze.

Gesünder leben, mehr lernen oder arbeiten, weniger Geld verschleudern, ein bestimmtes Ziel erreichen… man versucht, sich selbst auf Engel komm raus zu perfektionieren. Alles genau so machen, wie es Moral und Gesellschaft verlangen.

Der perfekte Zeitpunkt also, um diese Denkweise auf den Kopf zu stellen.
Wobei ich zugeben muss, dass die Inspiration für meinen heutigen Beitrag nicht vom Jahreswechsel kommt. Sondern von einem Buch, das ich kürzlich gelesen habe…

Im Studium habe ich angefangen, mich intensiv mit Marketing und Künstlermanagement, Social Media Plattformen und darunter insbesondere YouTube und Instagram auseinander zu setzen. Einen Blog betreibe ich, wie ihr hier seht, auch selbst. So hat sich natürlich auch ein Interesse an den sogenannten „Influencern“ entwickelt – die leider, leider durch bestimmte Vertreter ihrer Art bei der allgemeinen, uninformierten Bevölkerung total in Verruf geraten sind. Das Wort gilt fast als Schimpfwort. Dabei bedeutet „Influencer“ ja eigentlich nur, dass jemand auf unser Leben einflussreich und in der Öffentlichkeit bekannt ist. Jeder Schauspieler, Fußballer, Politiker, ja auch Musiker ist ein Influencer, spätestens wenn er uns sagt, wir sollen Merch oder Tickets einer anderen Band kaufen 😉 (think about it…)

Man könnte da ein ganz eigenes Fass aufmachen, was letztlich nicht der Sinn des Beitrags ist. Ich jedenfalls kenne viele Persönlichkeiten, die auf Plattformen wie YouTube nicht nur Schminktipps geben, sondern wirklich interessante oder unterhaltsame Dinge zu sagen haben. Wenn sie das nutzen, um nebenbei Geld zu verdienen, finde ich das null komma null verwerflich. Favoriten von mir berichten über Themen und Lebenswelten, die ich sonst gar nicht von innen kennenlernen würde, setzen sich für ihre Ideale ein oder sorgen einfach dafür, dass man nach Feierabend auf dem Sofa gut unterhalten wird. Am Ende des Beitrags werde ich ein paar Vorschläge auflisten, auch aus der Metal-, Goth und Musikszene
Ja, sie machen auch Werbung für Produkte. Aber als ob noch nie jemand von uns etwas für Geld getan hätte…

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Ich habe also ein Interesse an diesem Thema und wollte mich daher auch bezogen auf die junge Zielgruppe Generation Z auf dem Laufenden halten. Ich kaufte mir also das Buch „Rock Your Day“ von Jolina Marie Ledl, denn ich wollte wissen, wer gerade bei den Teenies beliebt ist.
Das Buch erzählt davon, wie Jolina bekannt wurde (sie hat bei einer Fernsehshow für Kinder mitgemacht und daraufhin extrem viele Follower auf Instagram gewonnen) und wie ihr Leben beruflich und privat verläuft.
Am Anfang fand ich den positiven Vibe darin noch schön. Sehr optimistisch und wie beiläufig schaut sie auf das, was in den letzten Jahren passiert ist, plaudert aus dem Nähkästchen, gibt Tipps, wie andere dasselbe erreichen können. Doch nach und nach ging mir das Gerede auf die Nerven. Erst nach einer Weile fiel mir auf warum: Das Mädchen ist nach dem, was da drin steht, viel zu perfekt.

Sie ist fleißig und aufmerksam in der Schule. Hat natürlich die klitzekleine Schwäche, dass sie nicht gut in Mathe ist. Man darf ja nicht makellos sein. Sie ernährt sich gesund, macht jeden Tag ein Workout, plant ihren Tag, ihre Woche, ihr ganzes Leben anhand von Kalendern, liebt ihre Mitschüler und ihre kleine Schwester, lebt in einer Bilderbuchfamilie. Die bösen Hater können ihr nichts anhaben, ihre Bilder und Videos sind professionell aber nicht überkünstlich, ihr Gemüt vor der Kamera immer gut und abgehoben ist sie auch kein bisschen. Ihr größtes Ziel ist es, Jüngeren zu helfen und sie ist total gegen Mobbing. Alles in sonnig-bunt-pastell mit Blumen. Von Fehltritten keine Spur, dabei ist sie gerade 17.

Obwohl im nächsten Kapitel ein eigentlich interessantes Thema anfangen sollte, nämlich ihre ersten Erfahrungen mit Jungs und der Liebe, schlug ich das Buch zu und war danach erst mal irritiert.
Natürlich geht es darum, dass man Kindern im Schulalter jemanden vorstellen will, der etwas älter ist als sie aber trotzdem noch in ihrer Generation lebt und die gleichen Alltagssorgen wie Hausaufgaben hat. Derjenige soll als Vorbild dienen und die Kids sollen lernen, dass es cool ist, immer möglichst das Richtige zu tun. Oder so ähnlich. Mir tut es auch leid, dass ich hiermit die arme Jolina etwas angreife. Sie meint es, so wie ich sie einschätze, wirklich gut und lebt nach diesem Credo.

Doch meine Einschätzung ist, dass solche Bücher nicht wirklich förderlich für die Persönlichkeiten von Kindern sind.
Wie viele von ihnen haben nicht das Glück, in einer tollen Familie zu leben, gut in der Schule zu sein oder dem gängigen Schönheitsideal zu entsprechen. Kinder, deren Leben nicht so perfekt ist und die es auch nicht mit einer kleinen Einstellungsänderung von 5 Minuten in diese Bahn lenken können. Wie viele werden sich erst mal schlechter fühlen, wenn sie sehen, wie perfekt ihr Idol ist und dass sie da nicht so leicht mithalten können. Die „ich bin genau wie ihr“-Message schießt hier total daneben.

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Ich persönlich kann aus meiner Erfahrung sagen: Ich habe lieber „schlechte Vorbilder“.

Nicht solche, die mir mit dem Zeigefinger eintrichtern sollen, wie man nicht zu leben hat.
Sondern Menschen mit Makel. Menschen, die in ihrem Leben falsche Entscheidungen getroffen haben. Die aufgrund ihrer Gefühle irrational handeln oder weil sie es einfach nicht besser wussten. Die sich dann aber aus der Misere herauskämpfen. Egal ob mit Hilfe von Freunden, Fremden oder allein. Individuen, die aus ihren Fehlern lernen. Oder auch sagen „ich bereue nichts“.
Charaktere, die nicht jedem Ideal der Gesellschaft hinterherlaufen sondern auch mal gegen den Strom schwimmen und anecken. Leicht rebellisch sind, solange sie niemandem ernsthaft wehtun. Den Status Quo und den Perfektionswahn infrage stellen. Mitunter daher kommt wohl auch meine Sympathie für die LGBTQI+ Pride Community. Sie sind nicht die angebliche Norm, haben das akzeptiert und feiern es.

Als Kind habe ich Filme geliebt wie Die Wilden Kerle, Emil und die Detektive, Das Fliegende Klassenzimmer und so weiter. Die jungen Helden darin haben nicht immer brav auf ihrem Hintern gesessen und nur das gemacht, was Vorzeigemamis erlauben würden. Nein, ihre Moral und das was sie erreicht haben, waren besser.

Aus diesem Grund habe ich mir kürzlich den Satz „life is beautiful“ tätowieren lassen. Mal abgesehen davon, dass es einfach der Wahrheit entspricht und man sich immer wieder daran erinnern sollte, wie schön das Leben eigentlich ist, ist es ein Songtitel von Sixx A.M.
Autor Nikki Sixx, mein Lieblingsmusiker (wie wohl inzwischen jeder weiß), erzählt in diesem Lied davon, wie er seine wirklich heftige Drogensucht überwunden hat. Anderthalb Mal war er vorübergehend tot wegen einer Überdosis und musste wieder belebt werden. Seine jungen Jahre waren das reinste Chaos, die Familie und später die Band zerrüttet, Alkohol, Exzesse, Zerstörung. Aber er hat es geschafft, als Künstler bekannt zu werden und irgendwann doch noch aus seinen Fehlern zu lernen. Daraus wurden dann richtig gute Songs, Bücher und Fotografien mit wichtigen Messages. Fast ein bisschen wie Jolinas Buch. Aber vielschichtiger und echter und gnadenlos ehrlich mit der nicht so glamourösen Vergangenheit.

Vielleicht, so meine abschließende Erkenntnis, bin ich auch deswegen in diese Szene reingeraten und bei vielen ist es ähnlich. Wir wollen Vorbilder sehen, die genauso „schwach und fehlerhaft“ sind wie wir selbst. Die aber nichtsdestotrotz ihre Bewunderer finden, etwas Kreatives oder Wirkungsvolles erschaffen und sich entweder aus den tiefsten Löchern wieder rauskämpfen – oder ihr verkorkstes Leben einfach zelebrieren, anstatt sich davon runter ziehen zu lassen. Rock your Day, b*tches!


 

Sie sind mal gute, mal schlechte Vorbilder 😉 Die nachfolgende Liste zeigt ein paar Influencer, denen ich privat gerne wegen ihres Contents folge.
Das ist meine zweite Moral für heute: Sie sind nicht automatisch alle oberflächlich, falsch und böse 😛

Führt die Liste an: Shane
Shane hat ein Millionenfollowing und nutzt es gerne dafür, Storys über andere ins rechte Licht zu rücken. Mit ihrer neuen Kooperation haben Shane und Jeffree Rekorde gebrochen…

Werde ich euch bald noch genauer vorstellen, weswegen sie nun an zweiter Stelle genannt wird: Schruppert
Ja, sie ist eine kleinere Influencerin, die sehr nützliche Tipps für Festivalbesuche und Co. gibt

Wie ich den Fuchs gefunden habe, mit dem ich Bilder gemacht habe?
Über Carina Pusch und ihre mega kreative Puschart Truppe ❤

Ich bin mir manchmal selbst nicht sicher, warum sie mich so fasziniert, aber Molly Burke erzählt aus ihrem Alltag als blinde YouTuberin, die liebend gerne shoppen geht und ihr Zimmer dekoriert. Ergibt keinen Sinn? Lernt sie kennen!

Sein Buch „Mein Recht zu Funkeln“ habe ich geliebt! Auch seines strahlt vor Optimismus und ’schönem Schein‘. Doch Riccardo Simonetti nutzt seine durch Mode aufgebaute Reichweite auch mal dafür, ein Buch über einen Jungen zu veröffentlichen, der gerne im Tutu zu Schule geht. Sein Kampf für Toleranz gefällt mir.

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Sagt euch der Begriff Konversionstherapie etwas? Das ist eine Therapie, die Homosexualität als Krankheit ansieht und "Heilung" verspricht. Da das weder eine Krankheit ist, noch etwas auf das man Einfluss hat, ist die Folge, dass die Betroffenen meist depressiv, psychisch krank werden oder gar im Suizid ihren einzigen Ausweg suchen. In Zukunft sollen diese Therapien in Deutschland endlich verboten werden. Was ich natürlich als großen Erfolg ansehe. Trotzdem finde ich es so traurig, dass dieses Verbot nur für minderjährige zutrifft. Natürlich müsste man meinen, dass Erwachsene selbst entscheiden können, aber wenn ich mir vorstelle, dass man in Deutschland mit 18 als volljährig gilt, dann glaube ich nicht, dass man selbst reflektiert genug sein kann um die Folgen einer solchen Therapie abschätzen zu können, wenn ich mir zum Beispiel vorstelle, dass das Umfeld einem ein Leben lang eingeredet hat, man wäre falsch so, wie man ist. 🥺 so oder so sind das ja eigentlich total gute Nachrichten, aber irgendwie macht mich die Vorstellung so traurig, dass es da draußen noch Menschen gibt, die anderen Menschen einreden wollen sie wären krank oder therapiebedürftig, wenn sie so fühlen, wie sie fühlen. Man sollte jungen Menschen, die noch nicht wissen, wer sie sind darin bestärken zu sein, wer sie sind, statt ihnen einzureden sie wären krank. ❤️💙💚💛🧡💜

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In letzter Zeit hab ich viele der eher kindlichen Videos nicht mehr geguckt – doch Ju und seine Bamcrew sind die Kings des Entertainments auf YouTube! Dieser Song wurde sogar außerhalb des internets bekannt… übrigens: Ju und Rezo waren mal Nachbarn und sind Best Buddies.

Der Mann aus dem Metal, der sich und sein Internethabitat nicht ganz ernst nimmt: Axel One
Durfte ihn auch schon interviewen. 🙂

Wo fängt ein Influencer an und wo hört ein Reporter eigentlich auf? Das Team von Die Frage dreht Berichte zu brisanten Themen speziell fürs Internet.

Macht auch mal klassisch anmutende Fotos vor einem geschmückten Schaufenster: meine „Kollegin“ Comebackstage.
Würdet ihr bei dem Bild denken, dass ihr Content hauptsächlich Interviews mit Rockmusikern beinhaltet?

Das war nur eine kleine Auswahl 😉

 

 

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