Eigentlich sollte das hier eine weitere Ausgaben der Rubrik „Im Portrait – 10 Fragen an …“ werden. Ein längeres (Video-)Interview war erst für nach dem Lockdown angedacht.

Doch die Antworten von Eugen ‚Dude‘ Lyubavskyy, Gitarrist der Kölner No-Mercy-Showing-Thrash-Metal-Band Pripjat, fielen irgendwie zu gehaltvoll aus, um Teil dieses „mehr oder minder sinnvollen“ Formats zu werden. 😀

Also lehnt euch zurück, nehmt euch ein Bier und genießt stattdessen das interessante Interview in voller Länge. Wer noch mehr Sitzfleisch hat, für den lohnt es sich auch, die Videos der Band anzuschauen oder in Eugens neuen YouTube-Channel hineinzuschnuppern, den er erst während der Quarantänezeit gestartet hat.

Profilbild von Eugen, by „jaka the jackass“

Hallo Eugen, welches Festival wirst du 2020 denn am meisten vermissen?

Grundsätzlich werden sie mir alle fehlen. Auf „A Chance for Metal“ und dem „Trafostation61“ wären wir dieses Jahr Headliner gewesen und beides sind großartige Underground-Events, die von Menschen voller Liebe für die Sache gestemmt werden. Hoffentlich wird beides 2021 nachgeholt. Gleiches gilt auch für das „MISE Open Air“.
Privat wollte ich dieses Jahr zum ersten Mal endlich auf das „Obscene Extreme“ nach Tschechien fahren. Außerdem bin ich fast jedes Jahr auf dem „Death Feast Open Air“. Sie alle werden mir sehr fehlen.

Wie sind die Pläne dieses ungewöhnlichen Jahres für Pripjat?

2019 war ein wahnsinnig beschäftigtes Jahr für uns. Wir haben ununterbrochen gespielt und getourt und dabei auch noch eine EP geschrieben, aufgenommen und herausgebracht.
Dieses Jahr wird es voraussichtlich keine oder kaum Konzerte geben. Wir schreiben also neues Material ohne Druck und bereiten aktuell ein großes und super spannendes Projekt vor, welches es meines Wissens in der Form noch nicht gegeben hat. Dazu kann ich aber noch keine Details nennen.

Was hat es mit deinem YouTube Channel „Der Eugen vom Dach“ auf sich? Bist du aus Langeweile darauf gekommen?

Ich habe angefangen jeden Tag eine 1-Minuten-Story bei Instagram zu posten, einfach als Beschäftigungstherapie. Und mit der Zeit haben mich die Menschen dazu ermuntert, unbedingt weiter zu machen. Also tat ich eben das. Auf dem YouTube Kanal veröffentliche ich dann Sachen, die für eine Story zu lang sind…beispielsweise 90 Minuten lang, wie es direkt bei der zweiten Episode der Fall war 😀
Dass so ein Brecher über die deutsche Metalszene kommt, habe ich selbst nicht erwartet. Es waren eher spontane Gedanken, die ich an diverse Freunde und Bekannte getragen habe. Das Feedback war jedoch umwerfend und so ist diese wirklich schöne Abbildung des Status Quo entstanden. Da kommt ganz sicher auch noch weiteres Material hinzu, welches im kleineren Rahmen mehr in die Tiefe gehen wird, ganz klar.

Zu deinen Videos „Der deutsche Metal Underground vor und nach der Krise“: Mir als Redakteurin fällt auch auf, wie unglaublich viele Musiker sich da draußen tummeln und um Aufmerksamkeit buhlen. Ich frage mal ganz provokant: Fändest du es denn gut, wenn ein paar Acts verschwinden? Meinst du, dann regiert wieder „Qualität vor Quantität“?

Das ist die Gretchenfrage. Grundsätzlich will ich mich auf gar keinen Fall hinstellen und über die Qualität anderer Bands urteilen. Das mache ich im Privaten natürlich schon und finde einige Bands auch eher bescheiden, aber das ist meine subjektive Meinung. Ich denke, dass viele Bands sich eher fragen sollten – was will ich erreichen?
Wenn es euch reicht jahrelang vor 20 Leuten im Laden um die Ecke zu spielen, dann macht das unbedingt. Solange der Spaß da ist, zählt nichts anderes. Wer aber wirklich Ambitionen hat, sollte sich schon ganz ehrlich die Frage stellen – habe ich den Willen das wirklich durchzuziehen? Denn 2020 gehört wirklich NICHTS dazu eine „Band“ zu gründen. Instrumente sind billig, das Netz ist voller Tutorials und durch Bandcamp, Spotify & Co ist es auch kein Ding den eigenen Output der Welt verfügbar zu machen. Aber das macht für mich halt keine Band aus.
Wenn man jahrelang Opfer bei der eigenen Karriere, Finanzen und Privatleben bringt, mit seinen Bandmitgliedern zur verschworenen Familie wird, die zusammen Höhen und Tiefen erlebt haben – dann ist man meiner Meinung nach eine Band. Ein Logo und eine Demo im Netz machen niemanden zu einer Band, wenn du mich fragst. Und genau hier ist es gerade ziemlich schwierig zu unterscheiden. Wie ernst es jemandem mit seiner Musik ist, siehst du nicht im Netz. Ich kenne Veranstalter, die niemanden zu ihren Events buchen, die sie nicht selbst mal live gesehen haben. Das wäre eine Möglichkeit die Spreu vom Weizen zu trennen.

Wir kennen die Situation ja alle recht gut – ein Line-Up mit drei bis vier Bands und bei den ersten zwei steht 80 % der Anwesenden im Hof und raucht sich eine beim Bierchen. Man plant oftmals gar nicht erst, die Vorbands abzuchecken. Das hängt einerseits – hier rede ich speziell von Deutschland – an der sehr großen Konzert-Dichte in den Ballungsräumen zusammen, die zur Übermüdung der Fans führt und andererseits nun mal auch daran, dass Vorbands oftmals qualitativ nicht überzeugen können. Dem hilft auch diese Buy-On-Nummer nicht. Es gibt regelrechte Rundmails von größeren Acts, in denen man sich einen Slot auf ihrer Tour kaufen kann.
2 Wochen Deutschland – 5.000 € und du darfst 20 Minuten eröffnen. 3 Tage Japan – 8.000 € – Flug und Unterkunft on Top. Da ist es scheiß egal wer sich drauf meldet. Wer Cash hat, spielt mit. Das führt dann halt auch mal dazu, dass beschissene Bands mit viel Kohle durch die Gegend tuckern und die Leute mit ihrem Scheiß langweilen. Und die Fans verlieren dann die Lust an den Vorbands. Ein Teufelskreis, den ich gerade stark vereinfacht darstelle, denn sonst müsste man seitenlang darüber schreiben.

Ward ihr als Band Pripjat denn schon mal in der Stadt? Wie ist die Lage dort all die Jahre nach der Tschernobylkatastrophe?

Aktuell brennt Tschernobyl. Es sieht übel aus, die Waldbrände kamen viel früher als sonst üblich. Die Scheiße ist nicht ausgestanden und wird es niemals sein. Strahlung vergisst nicht.

Kiev war vor einigen Wochen die Stadt mit der schlechtesten Luft weltweit. Aus Insiderkreisen weiß ich, dass man den Feuerwehrleuten befohlen hat, sich auf die Brände Richtung Kiev zu fokussieren, um einen Medienaufschrei zu verhindern. Die gleiche Scheiße wie zur Sovjetzeit. Deswegen ist der Brand fast unkontrolliert bis zu alten Depots mit radioaktivem Abfall in der Zone vorgedrungen.
Es gibt Bilder, wie sich die Feuerwehrjungs weinend zu Boden werfen als es anfängt zu regnen. Offenbar hat es nicht viel gefehlt und Kiev wäre wieder verstrahlt worden. Dies kann aber täglich geschehen. Uns steht ein weiterer Rekordsommer bevor. Wir selbst waren nicht vor Ort. Ich weiß auch nicht, ob ich es möchte. Es wurde eine regelrechte Tourismusindustrie drumherum entwickelt und dies ist nicht was ich suche. Ich könnte mir aber einen illegalen Trip mit lokalen Stalkern vorstellen. Aber da spreche ich nur für mich 😉

Fans welcher anderen Bands sollten euch unbedingt mal hören?

Puh, da sagt jeder was anderes. Was ich schön finde, ist, dass nach unseren Gigs wirklich regelmäßig Menschen zu uns kommen und sagen „Ich höre sonst gar keinen Thrash, aber das war verdammt geil und unerwartet.“

Live sind wir eine Band mit sehr viel Energie und Authentizität, zumindest wollen wir so rüberkommen. Und wir machen auf den Alben eine Entwicklung durch. Unser Debüt „Sons Of Tschernobyl“ geht ganz klar Richtung Oldschool und bedient vermutlich die alten Hasen aus der Kreator, Slayer, Sodom und Megadeth Fraktion. Unser zweites Album „Chain Reaction“ ist um einiges „erwachsener“ und durchdachter, eher Metallica, wenn es um das ausgefeiltere Songwriting geht. Und die aktuelle EP „A Glimpse Beyond“ orientiert sich an Voivod, Vektor und Coroner. Wir möchten nicht als Oldschool-Nostalgie-Thrasher wahrgenommen werden, denn das ist lediglich eine Facette von uns.

Ich möchte nochmal ein bisschen provozieren: Wenn man politische Themen ansprechen will, wäre es dann nicht taktisch cleverer in einer klarer verständlichen Stimmlage und Musikrichtung zu singen? Ohne Lyrics vor der Nase versteht man bei so vielen härteren Spielarten die Message nicht… warum denkst du, machen das trotzdem so viele? 😀

Och, das gehört halt zum Metal dazu. Natürlich bin ich als derjenige, der die meisten Lyrics bei uns schreibt, sehr darauf bedacht, dass die Message stimmt. Für mich sind Texte immer sehr, sehr wichtig. Aber man kann sie ja immer nachlesen und danach versteht man es auch besser. Aggressive Musik braucht aber aggressiven Gesang. Ob man jetzt eher Hetfield oder Araya macht, liegt an der Ausrichtung aber auch an der Stimme des Sängers. Und Kirill ist halt unser hysterischer Kreischer, wobei auch er eine Entwicklung durchmacht, die mir sehr gut gefällt. Es ist halt extreme Musik, keine Literaturstunde 😉
Aber das ist eine gute Frage, klar. Vieles schreibe ich bewusst für die Tonne, da ich weiß, dass man den Text so niemals wird raushören können. Wem die Message aber wichtig ist, wird sich da schon reinfuchsen. Ich mache es bei anderen Bands ja auch. Beispielsweise finde ich Primordial, Lamb of God und Pain of Salvation allesamt Bands, die auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise ganz große Lyrik in ihrer Musik haben und ich beschäftige mich auch recht ausführlich damit.

Was gefällt dir gut an Köln?

Hässlich, aber herzlich. Ich könnte weit ausholen aber unter dem Strich sind es die Menschen und die wirklich entspannte und liberale Art, die ich so sehr liebe. Für eine Millionenstadt ist es relativ dörflich hier. Es ist meine Wahlheimat und ich hatte hier ganz klar die bisher schönste Zeit meines Lebens. Leben und leben lassen und „Jeder Jeck is anders“ wird hier größtenteils wirklich gelebt. Ich mag auch den Karneval. Klar ist das irgendwo primitiv, aber wir Menschen brauchen Exzesse. Und es ist doch toll, wenn die Menschen eine Woche lang miteinander feiern und albern sind als gegen jemanden in einen scheiß Krieg zu ziehen, oder? Das ist unser Purge. Und vermutlich einer der Gründe für die Toleranz Kölns. Nicht umsonst haben wir hier auch eine der größten LGBT Szenen Europas. Und ich finde das ganz wunderbar.

In Deutschland könnte ich mir neben Köln nur noch Berlin, Hamburg und evtl. Leipzig als Wohnorte vorstellen. Alles andere ist mir zu konservativ, in München wäre ich vermutlich nach zwei Tagen hinter Gittern, ohne mich hier als Bad Boy aufzuspielen. Aber ich komme einfach nicht auf diese ganze Bayern-Scheiße klar, auch wenn wir dort wundervolle Fans und Freunde haben. Aber mit der CSU kannst du mich genauso jagen wie mit der AfD.

Was gefällt dir nicht gut an Köln?

Es wurde hart zerbombt und entsprechend gibt es nicht so viele schöne Ecken wenn es um zusammenhängende Architektur geht. Der Dom ist sicherlich mit das schönste Gebäude der Welt, aber das wärs auch schon fast. Die Gentrifizierung macht auch vor Köln nicht halt und das beobachte ich mit Sorge. Mein geliebtes Ehrenfeld hat man zugunsten teurer Mittelstandswohnungen geopfert. Außerdem ist es richtig scheiße zum Fahrradfahren hier. Ich bin eh ein totaler Gegner der deutschen Autolobby, die sich in der Stadtplanung niederschlägt. Privatfahrzeuge haben meiner Meinung nach nicht in einer modernen Innenstadt zu suchen. Da schaue ich immer neidvoll Richtung Niederlande. Die machen es genau richtig.

Und was ist dein Lieblingsfabelwesen?

Vermutlich würde ich täglich anders darauf antworten. Gerade denke ich an den Steinefresser aus der Unendlichen Geschichte. Es gibt eine Stelle am Ende des Films, als das NICHTS schon ganz nahe ist. Und er sitzt irgendwo am Weg, schaut auf seine riesigen Hände hinunter und sagt etwas wie „Das sind große und starke Hände. Aber sie können hier nichts ausrichten.“
Und für mich ist es eine Metapher, an die ich sehr oft denken muss. Es gibt immer etwas, das über einem steht und es ist egal wir erfolgreich man ist oder stark oder schön oder reich – manche Mechanismen gelten für uns alle uns dem müssen wir uns einfach fügen. Eine Lektion in Demut.

PS: Auf ihrer Facebook Infoseite steht, der Geschäftsführer der Band sei Ozzy.
Verschwörungstheoretiker – ready, set, go! 😉 🦇

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