Zuerst wollte ich diesem Artikel einen Titel geben wie „WDR und RTL fragten nach meinem Foto und das Unheil nahm seinen Lauf“ – aber das wäre zu sehr Clickbait gewesen und es würde auch das Thema verfehlen, das hier angesprochen werden soll. Doch in der Tat ist heute ein wenig das Chaos ausgebrochen. Wegen dem oben abgebildeten Foto.

Das ganze fing so an: Vor ein paar Tagen ging ich zum Rheinufer in Köln-Stammheim, um die Steine, die ich am 1. Mai mit meiner Schulfreudin Jessy bemalt hatte, „auszuwildern“. So nennt man das scheinbar, wenn man bei Aktionen wie #Wandersteine oder Steinschlangen mitmacht.
Dabei habe ich einen besonders großen, aufwändig gestalteten Stein entdeckt, auf dem kleine Grabsteine für die Festivals, die 2020 nicht stattfinden werden, befestigt waren. Ich als Festivalfan fand das irgendwie cool und machte ein Foto. Später wollte ich es auf der Blog-Seite teilen. Für die Leute, die in diesem Jahr auch ihre Festivalbesuche und damit ihre Freunde und kleinen Jahreshighlights vermissen werden. Und für die Veranstalter, Locations und Künstler, die aufgrund der Situation wirklich hart zu kämpfen haben. Denn von ihnen wird sicher der ein oder andere der Krise „zum Opfer fallen“.

Jessys und mein Beitrag zur Steinschlange

Nun ist es natürlich so, dass die betroffenen Personen nicht wirklich an den Absagen sterben. Es geht ja gerade darum, Leben zu retten. Doch Existenzen im Sinne des Finanziellen und des Lebensmutes können durchaus betroffen sein.

Heute Morgen, ein paar Tage später als geplant, teilte ich das Bild dann über meine Facebook-Seite sowie in der Gruppe NETT-WERK Köln. Ich fand die Bastelei nämlich durchaus „nett“ und wollte denjenigen finden, der die Steine bemalt hatte. Außerdem sollte ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter denen ausgelöst werden, die auch ihre Wochenenden voller Musik vermissen werden.

Das geschah auch, zumindest auf meiner eigenen Seite und größtenteils im NETT-WERK. Aber dann meldete sich erst die WDR Lokalzeit aus Köln und später RTL West. Sie fragten an, ob sie das Bild teilen könnten. Ich betonte, dass ich nur der Fotograf (eines Handyfotos :D) bin, weil ich eigentlich keine (positiven) Credits für etwas haben wollte, das mir nicht zusteht – doch jetzt tut mir die Veröffentlichung etwas leid gegenüber demjenigen, der wirklich hinter dem Projekt steht.

Dieser hatte selbst Bedenken gehabt, ob man die Symbolik der Gräber verwenden sollte. Auf einen Kommentar unter dem WDR-Beitrag hatte er folgendermaßen geantwortet:

Dieser Stein wurde ( neben vielen anderen lustigen , ironischen – aber „auch“ provokativen ) von MIR entworfen, gefertigt und aufgestellt.
Ich bin durchaus für Kritik und Unverständniss anderer Leute offen ! Auch ICH habe darüber nachgedacht, ob der nicht zu weit geht – bin aber zu dem Entschluss gekommen, das es noch OK sein sollte …
Es gibt einige Festivals / Bands / Veranstalter, die durch Corona derart an ihre Grenzen kommen, das es fraglich ist, ob die Saison 2021 überhaupt noch stattfinden kann – oder ob mal in die PLEITE geht ! 😞 ( Versicherungen zahlen meistens nix!)
( Andere kleine Firmen natürlich auch und ich hoffe das die angekündigten „Hilfszahlungen“ auch wirklich kommen – bevor sich viele nen Strick nehmen müssen ! )
Andere „Gedenksteine“ für die versauten „urlaube 2020“ sind noch in arbeit – und diese werden definitiv NICHT in dieser Art ausfallen …

Denn plötzlich fing das internet- und vor allem facebook-typische Gekeife an – das mich generell sehr traurig macht, egal in welchem Zusammenhang. Heute durfte ich aus nächster Nähe, aber irgendwie doch nicht am eigenen Leibe, erfahren, wie sich ein „Shitstorm“ anfühlt. Denn ich hatte es geteilt, aber es war ja nicht meine Idee gewesen. Somit blieb eine gewisse Distanz und ich bin nicht persönlich verletzt. Doch für Frank, der sein Werk eben auch schon verteidigt hatte, und jeden anderen, der so blöd von mürrischen Trollen angegangen wird, tut es mir leid.

Natürlich sind für viele Menschen Friedhöfe mit Trauer und Schmerz verbunden, die weitaus schlimmer sind als die Tatsache, dass ein Jahr lang mal keine Festivals stattfinden. Kritik ist also nicht per se schlecht. Aber ich habe schon Verwandte verloren, auf sehr unschöne und traurige Weise. Ganz kurz nach dem Abi ist eine Klassenkameradin von uns gegangen. Ich habe Kontakt bis enge Bindungen mit suizidgefährdeten Menschen und ein paar wenige kennengelernt, die sich wirklich das Leben genommen haben. Mir ist der Verlust also bestimmt nicht fremd.

Aber das heißt nicht, dass Grabsteine, die etwas anderes als Menschen betrauern, grundsätzlich böse sind.
Mir jedenfalls tun sie nicht weh.

Mal ganz ehrlich, in wie vielen Geschichten kommen Gräber vor, die der bloßen Unterhaltung dienen, zum Beispiel, um sich aus Spaß zu gruseln? Wie oft spielen sie eine Rolle in Gags von allerlei Comiczeichnern, in Filmen, in Serien? Für viele alternative Szenen sind sie beliebte Dekoelemente und stehen mitunter dafür, dass man sich eben bewusst ist, dass der Tod zum Leben dazugehört. Manchmal werden sie natürlich auch zum Provozieren benutzt. Doch ich würde sagen, Grabsteine sind letztlich ein Symbol dafür, dass etwas, gerne auch eine Erinnerung, ein geliebtes Haustier oder etwas ganz Anderes, das einem wichtig war, begraben wird.

An dem Stein mit den Festivals ist sogar etwas Politisches. Denn es ist wichtig, dass die Eventbranche und die Kultur in dieser Zeit nicht liegen gelassen werden. Kultur mag nicht so akut lebenswichtig sein wie körperliche Gesundheit, doch glaubt mir, ohne sie und die Lebensfreude gehen wir innerlich zugrunde. Und hey, niemand hat so einen Aufstand gemacht wegen Thaddäus und seinen Hoffnungen und Träumen… 😉

Ich habe mir die Kommentare mit fast wissenschaftlichem Interesse auf den verschiedenen Seiten angeschaut. Auf meiner eigenen Karla the Fox-Seite (die Follower sind allesamt leidenschaftliche Festival- und Konzertgänger) wurde das Bild viel geteilt und ihm wurde mit Humor begegnet.

Im Nett-Werk wurden hauptsächlich andere Leute verlinkt, denen die Leser das Bild zeigen wollten. Dort sowie beim WDR gab es auch sachliche Kritik oder leichte Zweifel an der Darstellungsweise. Das ist selbstverständlich berechtigt.
Bei RTL ging es dann aber ab. Nur noch Beleidigungen…

Ich frage mich: Liegt das wirklich an den jeweiligen Lesern? Es tut mir fast leid, so zu denken. Doch es wirkt schon komisch.
Sind sie so verbittert, dass sie andere für einen kleinen künstlerischen Selbstausdruck so fertig machen müssen? Oder sind sie es, die am härtesten von der Krise getroffen sind und somit keinerlei Humor oder Provokation in Verbindung mit dem Virus ertragen können? Oder ist es doch nur ein Fall von „the internet being the internet“? :/

Noch einmal: Neutrale Aussagen, dass es Schlimmeres gibt und die Gräber übertrieben sind, sind vollkommen angemessen und eine Diskussion wert! Wenn man schreibt, dass man selbst nichts mit dieser Art der Musikkultur anfangen kann, ist das absolut legitim. Dass man traurig ist, weil man gerade einen schwerwiegenden Verlust verarbeiten muss.. all das kann ich ja nachvollziehen.
Aber dieses stumpfe, verbitterte Herumfluchen. Das Beschimpfen eines unschuldigen Menschen… das macht mir ehrlich gesagt mehr Angst, als alle Gräber oder Viren dieser Welt.

Ich persönlich hoffe, dass noch weiterhin schöne, bunte, gerne auch skurrile, politische, sarkastische und uns verbindende Zeichen da draußen gesetzt werden. Danke, eure Foxxy ❤

Anbei die Links zu den einzelnen Postings:

Originalpost als Karla the Fox

Geteilt in der Gruppe NETT-WERK

Posting von WDR Lokalzeit aus Köln

Posting von RTL West

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