Am letzten Tag des Pride Monats erinnere ich mich zurück an den Juni im letzten Jahr. Als von Masken und Lockdown keine Rede war und ich stattdessen mit einer kunterbunten Truppe am Christopher Street Day in Frankfurt mitten im Getümmel sein durfte. Wir sind sogar spontan am Ende der Parade mit gelaufen. Mit wehenden Flaggen, und die Leute auf dem Wagen vor uns haben uns ohne zu zögern Wasserflaschen geschenkt, weil es so unerträglich warm war. Auf der Party haben sich dann zwei Freunde von mir mitten auf der Bühne verlobt… mit einer Aktion, die nicht ganz unaufwändig war. Es war einer der schönsten Tage des Jahres.

Sonnige Hitze, hunderttausende Menschen, unfassbare Vielfalt, ein großes Fest der Akzeptanz und der Liebe. Es war ein Event, das man mal erleben sollte.
Leider gab es auch unschöne Szenen … Zum Beispiel bildete sich beim McDoof die typische lange Schlange vor der Damentoilette. An einem Tag wie diesem hätte es egal sein sollen, wer auf welches Klo geht, zumal es echt erdrückend schwül war in dem Gang und jeder so schnell wie möglich da raus wollte. Doch der Typ, der das Kleingeld für die Benutzung eingesammelt hat, hat nicht zugelassen, dass Frauen auf die Herrentoilette gehen. Zumindest nicht, wer nach seiner Ansicht in die Kategorie Frau gehört.
Er rief sogar wütend „Nein, Frau ist Frau und Mann ist Mann“ zurück, wann immer jemand fragte, warum nicht alle Kabinen für jeden freigegeben wurden. Hätte die Filiale an dem Tag nicht wenigstens wen anders dort hin setzen können?

Ein anderer Mann, der zufällig in die Veranstaltung geraten war und sich eigentlich nur Frankfurt anschauen wollte, erklärte, wie verwirrend er das alles fände. „Die ganze nackte Haut heißt für mich eigentlich, dass man angefasst werden will. Aber hier weiß man ja nicht mal, was was ist“, maulte er sinngemäß und hätte sich dafür fast ein paar Ohrfeigen eingeholt – aus mehreren Gründen – wenn die Feiernden nicht ein eher friedliches Völkchen wären, das stattdessen nur über ihn lachte. Er konnte der allgemeinen guten Stimmung nichts anhaben.

Es darf aber nicht vergessen werden, dass der Ursprung der Pride Paraden alles andere als Jubel-Trubel-Heiterkeit war. Hier findet ihr einen Bericht dazu, warum es hierzulande CSD heißt, im Juni stattfindet und was ein Ort namens Stonewall damit zu tun hat: https://www.swr.de/swraktuell/woher-kommt-der-pride-month-100.html

Ich hatte letzen Juni auch ein positives Erlebnis, das gleichzeitig zum Nachdenken anregt:
Als in Köln CSD war, nahm ich nicht aktiv an der Parade teil, sondern war in der Redrum Rockbar, wo ich unter anderem ein Interview aufgenommen habe. Doch ich ging ganz in Lila und mit dem Regenbogen Schriftzug auf meinem Shirt dort hin (ja, ich hab es in Schwarz und Lila xD).
In der Bahn sprach mich ein junger Mann an, ob er auf meinem Zugticket mitfahren könnte und ich sagte direkt ja und unterhielt mich sogar fröhlich mit ihm. Normalerweise wäre ich zögerlich gewesen, da ich es gar nicht mag, allein auf der Straße, auch unter einem Vorwand, von Männern angesprochen zu werden. Aber ich ging irgendwie davon aus, dass er mich für lesbisch hielt. Er hatte demnach wohl wirklich nur das Problem, kein Ticket zu haben und hatte nicht im Geringsten irgendwelche anderen Gründe, mich anzusprechen. Sofort war mein Misstrauen verflogen. Dass er mich so freundlich fragte, sprach in diesem Fall sogar für ihn.

Tun wir Frauen den Männern mit dem Misstrauen manchmal auch Unrecht? Bestimmt. Aber wenn sie offensichtlich nicht aus sexuellen Gründen auf einen zugehen, ist da direkt mehr Entspannung, Offenheit und Vertrauen. Zumindest bei mir.

Bin wohl ein bisschen demi…
Nicht absolut, aber definitiv in dem Spektrum. Denn ich muss jemanden nicht lieben, um ihn sexuell attraktiv zu finden – aber kennen und mögen.

Jeden, den ich jemals interessant fand, war vorher schon ein Freund oder Bekannter. Das bringt ganz eigene Herausforderungen mit sich, aber ich kann es nicht ändern.

Artikel: Was ist demisexuell?

So kann ich zum Beispiel Models auf einem Plakat beim besten Willen nicht attraktiv finden. Ich kann sie optisch schön finden. Aber da kann ich mir auch Blumen angucken. Dating Apps hatten nie einen Reiz für mich (ich nutze sie nicht mal ironisch), Pornos ebenso wenig (ich kenn ja die Leute darin nicht) und wenn meine Mädels auf einen ach so heißen Typen auf der Straße aufmerksam machen, denke ich nur: „Hä?! Kapier ich nicht…“
Ich muss zumindest das Verhalten eines Mannes kennen, die Art, wie jemand spricht, seine Werte und seinen Humor. So kann man vielleicht einen Crush für einen Charakter oder Star entwickeln, aber man wird selten nach rechts swipen … und ich musste gerade googlen, welche Richtung überhaupt was bedeutet. xD

Ob einfach von einem Unbekannten im Club angetanzt werden oder auf Social Media ohne persönliche Verbindung angeschrieben zu werden – in solchen Situationen reagiere ich fast schon aggressiv. Das tut mir leid. Aber ich finde es jedesmal dumm und respektlos und dachte jahrelang sogar, meine Herangehensweise sei die einzig Normale. Bis ich mich mal mit allen Begriffen der LGBT+ Community auseinander gesetzt habe, auch dem Begriff demisexuell.

In diesen Tagen sehe ich meine Freunde auf Instagram, wie sie trotz der aus gutem Grund abgesagten Paraden ihre eigenen Mini-Partys feiern; oder Aktivisten, die auch ohne große Menschenmassen die Botschaften verbreiten, die ihnen auf dem Herzen liegen. Kurz zusammengefasst als:

#loveislove und #lovewins

Für sie alle bin ich gerne ein „straight ally“. Das ist jemand, der selbst heterosexuell ist und sich mit dem Geschlecht identifiziert, mit dem er geboren wurde- der aber trotzdem an der Seite der queeren Community für gleiche Rechte und Respekt kämpft.
Mir liegt viel daran, denn entweder sind es Menschen, die noch Unterstützung brauchen, weil sie Angst haben, sich zu outen. Eine Schande, dass das überhaupt noch eine große Sache ist. Oder ich feiere mit ihnen, weil ich mich für sie freue. Weil ich es cool finde, dass sie so stark sind und so leben, und lieben, wie sie sind. Gegen alle Konventionen. Bunt und anders, aber echt.

Artikel: Was ist ein Ally?

Straight Ally Flag
Demisexual Flag

Bisher fühle ich mich nicht bi- oder pansexuell. Weil noch nie ein tiefer gehendes Interesse da war. Aber ich würde es nicht kategorisch ausschließen und baue gerne enge emotionale Bindungen zu meinen Freundinnen auf, tanze mit ihnen, umarme sie und verteile Küsschen. Aus der puren Motivation heraus: Spread the f*ckin Love! ❤

Ich freue mich so unglaublich auf das nächste Jahr, wenn hoffentlich wieder CSDs stattfinden dürfen. Ganz herzliche Grüße gehen bis dahin an alle meine Freunde, die nicht cis und hetero sind. :-*
An alle anderen aber natürlich auch, mit der Bitte, die partyfreie Zeit im Pride Month dafür zu nutzen, sich über die Geschichte hinter der Bewegung zu informieren.

Dies ist mein letzter politisch-gesellschaftlich motivierter Beitrag für die nächsten Wochen. Denn ich möchte auch wieder einfach über Musik und Künstler schreiben. Deswegen zum Schluss noch wie versprochen eine Reihe von Songempfehlungen von LGBT+ Künstlern. Viel Spaß!

Ein Kommentar zu „Von Coming Outs, Lockdowns & Songs von queeren Musikern

  1. Liebe Karla,
    ein schöner Beitrag mit so viel Liebe und so viel versprühter Liebe. Danke dafür!
    In Oldenburg gab es eine Alternative zum klassischen CSD, da musste ich natürlich hin. Mit 15 Jahren habe ich meinen ersten CSD besucht. Habe mich damals immer als bisexuell gesehen, würde aber Pansexualität nicht ausschließen. Ich liebe schließlich den Menschen, nicht irgendwelche Geschlechtsteile.

    Ich verlinke dir mal meinen Artikel zum CSD 2020. Ganz tolle Aktion: es gab verschiedenste Flaggen auf dem Schlossplatz mitsamt Erklärungen. Es fehlten einige, aber es war ein toller Schritt für Aufklärung.
    https://theroadmosttraveled.de/csd-nordwest-2020/

    Finde deine Songauswahl übrigens sehr schön. Bei Cinema Bizarre und Adam Lambert fühlte ich mich direkt ein paar Jahre zurück versetzt.
    Alles Liebe ❤️

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s