Größtenteils über Sprachnachrichten (die Erfindung des Jahrhunderts…^^) hatte ich vor wenigen Tagen eine Unterhaltung über folgende Frage: Was macht eine Szene, zum Beispiel in einer bestimmten Musikrichtung, eigentlich aus?
Aus wem besteht sie? Ab wann oder warum ist man ein Teil davon? Gehört man automatisch zusammen und kann sich nicht dagegen wehren? Sollte man sich untereinander befreunden? Gibt es gemeinsame Werte? Und wie kann man sie überhaupt greifbar machen?
Es war keine einfache Frage, sondern mehr eine Sache der Sozialisierung. Daher würde ich sie gerne mit euch zusammen diskutieren.


David, meinem Gesprächspartner zu dieser Diskussion, hat von Kindesbeinen an in der Stadt gelebt, hatte von Beginn ein vielseitiges kulturelles Angebot um sich herum. So konnte er sich immer die Leute mit ähnlichen Interessen und Musikgeschmack heraussuchen und ohne großen Aufwand zu den jeweiligen Events gehen. Konzert besuchen oder Pizza essen gehen? Konnte man spontan entscheiden.
Wer mit der Musik auf den Shows gar nichts anzufangen wusste, dem konnte man absichtlich aus dem Weg gehen, oder es kam von vorne rein nie zu einer Begegnung. Gab ja genug Alternative(n) für jeden Geschmack.

Bei denen, die zu den Konzerten und Partys mitkamen, waren die Bekanntenkreise dann aber wieder fließend. Verbindungen untereinander entwickelten sich organisch. Das war halt der Freundeskreis (ohne feste Grenzen) und der mochte Metal. Aber auch andere Sachen, wodurch sich die Leute dann wieder unterschieden. So kam nie das Gefühl einer fest abgegrenzten „Szene“ auf, sondern es war die normale, vielseitige und doch konforme Lebenswelt.

Man bekommt das Mädchen aus dem Dorf – aber das Dorf nicht aus dem Mädchen.

In meinem Dorfleben war das etwas anders. Da gab es nur wenige alternative Menschen – und wenn, dann sind sie aufgefallen wie bunte Hunde. Sie wollten mit Absicht anders sein und haben sich, wenn überhaupt, über das aufkommende Internet zusammengerottet. Foren und Chatrooms waren der heiße Scheiß! An der Schule oder im Dorf war man dann „der Punk“ oder „das Emo-Mädel“. Nur selten traten sie in Gruppen auf. Wenn doch, dann hatten diese definitiv klare Grenzen.

Wenn man auf dem Land lebt, begegnet man außerdem überall den gleichen Leuten. Mit diesen musste man sich irgendwie zusammenraufen – auch wenn die Interessen und Hobbies, sogar Ideale, ganz unterschiedlich waren – weil sonst gab’s dicke Luft beim nächsten Dorffest!
Das Gute daran ist, dass man gezwungen war, über seinen Tellerrand hinaus zu blicken (außer man landete in der Punkertruppe mit nur drei Menschen, die jeden anderen hassten…) und dadurch haben sich ganz automatisch bunt gemischte Gruppen ergeben.
Jeder hat sich halt die besten Leute aus seinem Umfeld als echte Freunde heraus gesucht, auch wenn diese vollkommen anders tickten als man selbst. Man musste sich eben aufeinander einlassen um nicht allein zu sein.

Statt Szenen mit Bezug auf Musik spielten Vereine eine große Rolle. Bei mir waren es der Musicalchor und eine Jazzdancegruppe. Darin fand man Freunde fürs Leben. Und anstrengende Rivalen. Aber irgendwie hat man doch durch dieses Interesse zusammengehört und das Beste draus gemacht. Nach der Hitze der Pubertät wurden es nicht selten echte Freundschaften.
So bin ich aufgewachsen.

Young Foxxy auf der Theaterbühne

Zu der Zeit folgte bei mir auf dem MP3-Player Marilyn Manson direkt nach Britney Spears und ich habe nicht im geringsten darüber nachgedacht, dass das komisch sein könnte. Mochte beide Songs und Videos.
Erst zum Ende der Schule nahm mich eine Freundin auf Livekonzerte von Metalbands mit. Das war für uns/mich dann jedes Mal etwas Besonders:
Es waren monatliche Highlights, für die wir oft weite Reisen, hohe Kosten und Übernachtungen auf uns nahmen. Vor Ort trafen wir dann vollkommen andere Menschen als daheim – diese Menschen dann aber immer wieder, auf vielen Events dieser Art. Jedes Mal hatten sie einen bestimmten Style und waren in Partylaune. In ungeschminkten Alltagssituationen kannte ich die meisten nicht und wenn man jemand Neues kennen lernte, gab es direkt eine Gemeinsamkeit und ein Gesprächsthema: die Band, die da oben gerade spielte. Hallo?! Man konnte sich sogar Insiderwitze erzählen bevor man sich wirklich kennen gelernt hatte. Nur auf Basis eines Fanshirts! Das schafft einfach eine gewisse Verbindung.

Zu Anlässen wie dem Sleaze Fest oder Partymonium bin ich später extra nach NRW gefahren. In Mannheim, wo ich nach der Schule hingezogen bin, gab es natürlich auch Konzerte. Aber wenige in der Glam- und Sleazerichtung, an der ich meinen musikalischen Gefallen und in der ich vor allem neue Bekannte und Eskapismus gefunden hatte.
Diese Reisen mit dem Flixbus versetzten mich für kurze Zeit in eine andere Welt, weg von Klausuren, Hausarbeit, Nebenjob. Da war ich dann für ein Wochenende Foxxy, nicht mehr Sarah. Um nicht alleine bei den Konzerten stehen zu müssen, bemühte ich mich außerdem aktiv um Freundschaften.
Durch diese erst klare Trennung und dann das immer mehr Hineinwachsen in die neue Lebenswelt war es aus meiner Sicht ein Eintritt in eine Szene.
Verstärkt wurde das durch die Wahrnehmung anderer Studenten an der Popakademie. Dort ist zwar Voraussetzung, dass man mit allen Genres arbeiten kann, doch jeder hatte natürlich seinen Favorit und so teilten sich die Studierenden selbst in inoffizielle kleine Gruppen ein. Da war ich die Tante mit dem Def Leppard Shirt und somit klar einer Richtung zugeordnet, über die ich auch mehr wusste als andere.

Erste Reise (für Konzerte) ins Ausland, nach Stockholm
schon wieder diese grünen Haare ^^ und eine gute Momentaufnahme
Definieren dich Leopardenmuster und Festivalbändchen?
Konzerte bringen Menschen zusammen.
Muss ich hierzu was sagen? ^^

Jetzt, wo ich seit einem Jahr in Köln wohne, verwässert das ganze immer mehr. Schon in den Jahren vorher kam es öfter zu privaten Treffen, ohne Festivals. Man sah plötzlich, wie all diese Leute ohne hochgesprayte Haare aussahen und auch die Themen oder gemeinsamen Beschäftigungen wurden vielseitiger. Man ging nun zusammen ins Kino oder machte einen Grillabend. Freunde und Bekannte aus anderen Kreisen kamen dazu. Aus der Szenewelt wurde wieder ein mehr oder weniger normaler, weit verstreuter, Freundeskreis aus mehr oder minder als „alternativ“ zu bezeichnenden Menschen.

Logischerweise wirkt sich das auch auf meinen Blog aus. Ging es zu Beginn noch darum, diese Welt zu erkunden, zu begreifen und ein Teil davon zu sein, schreibe ich jetzt über Sexismus, Homophobie, Gemälde aus der Kunstakademie Düsseldorf oder Buchrezensionen. Das sind halt die Themen, mit denen ich mich nun beschäftige. Meine Liebe zu Mötley Crüe, Crashdiet oder Bowie sind natürlich geblieben, doch sie sind nicht mehr Kernthema meiner Welt. Die immer gleichen Songs werden mit der Zeit langweilig und ich fange wieder an, privat mehr Pop zu hören. Ich entdecke Billie Eilish, Sam Smith, The Weekend, Ghost 😛 … oder Musicalplaylisten, die ich von vorne bis ablaufen lasse, weil ich auch endlich wieder einen neuen Chor gefunden und Lust auf „das Theater drum herum“ bekommen habe. Gleichzeitig lerne ich die „Szeneleute“ immer und immer privater kennen und genieße auch den Luxus, ganz spontan ins Redrum oder Nord fahren zu können, um dort Metalheads zu treffen, mit denen ich direkt Gesprächsthemen finde und bei denen ich mich zugehörig fühle. Wie ein Entfernen von und Hineinwachsen in die Szene – was auch immer das ist – gleichzeitig.


Was ist für euch eine Szene? Lebt ihr in einer oder habt es mal getan? Oder ist es für euch auch nur ein schwammiger Begriff? Ich finde ihn in Ordnung, wenn man sich damit mit etwas Bestimmten identifizieren möchte. Oder wenn man seine Vorlieben damit ausdrückt.
Ich finde es aber ätzend, wenn die jeweilige „Elite“ einer Szene meint, entscheiden zu können, wer ihrer Art würdig ist und wer nicht. Liebe Leute, so findet ihr nie neue, jüngere Gleichgesinnte und eure Partys sterben auch ohne Corona aus, an Altersschwäche und Arroganz.

Übrigens fände ich es richtig geil, wenn jemand ein paar alte Fotos von sich herauskramt, wie er oder sie in der Jugend zu einem Szenestyle gefunden hat. xD Wenn ihr euch also traut, nur her damit!

Eure Foxxy Sarah

Ein Kommentar zu „Was ist überhaupt „eine Szene“ in Popkultur und Musik?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s