Wenn die Sommerfestivals wegfallen, hast du stattdessen die Gelegenheit, mit deiner Reisetruppe neue, andere Ziele zu erkunden. Die Musik und die Attitude darfst du natürlich mitnehmen. Oder sie vor Ort in kleinen Seitengassen entdecken. Dazu etwas Klassenfahrt-Feeling im Hostelzimmer, gepaart mit dem totalen Gegenteil, nämlich einem Tag der Strand-und-Cocktail-Dekadenz – und schon hast du das perfekte Wochenende!

Das vergangene Wochenende waren wir in Den Haag. Das Städtchen in der Niederlande liegt etwa 2,5 h von Düsseldorf entfernt (von dort kam der Großteil der Gruppe) und ca. 3 h von Köln. Scheveningen Beach ist der s(tr)andige Stadtteil von Den Haag und eine Touristenfalle, wie sie im Buche steht. Von Naturbelassenheit keine Spur. Aber für diesen einen sonnigen Tag war es perfekt.

Hanna und ich teilten uns ein „Deluxe Zimmer“ im Stayokay Hostel. Warum das ein Deluxe im Namen hatte? Keine Ahnung.
Gut, die Betten waren bezogen, als wir ankamen. Und man musste es sich nicht mit Fremden teilen. Aber ansonsten war es einer der engsten und am wenigsten ausgestatteten Räume, in denen ich je übernachtet habe. Mit unserem Gepäck war der Gang schon voll und man hatte sogar den Deckel vom Klo abmontiert, damit dort auch ja keine Kleidung drauf abgelegt werden konnte!
Nebenan das Gruppenzimmer, in dem Simon und Amara schliefen, war deutlich größer. Es hatte sogar einen Tisch! Doch man munkelt, dass die Intromusik von Pornhub nachts aus unbekannten Kopfhörern erklang… Hostelleben ❤

Am Freitagabend stießen wir zu denen, die schon donnerstags angereist waren. Sie saßen auf einem kleinen Boot, das in einer Gracht lag und die Erweiterung eines Restaurants / Biergartens bildete. Zu unserer deutschen Reisegruppe hatten sich noch zwei Locals gesellt – einer aus Deutschland in die Käselande zugezogen, der andere von der Gattung „Ureinwohner“.
Wir saßen also zu acht an diesem Tisch, mit frittiertem Essen vor der Nase, redeten in einem Sprachmischmasch – und wir waren laut. Ich hatte schon Angst, die Gäste nebenan würden sich bald über diese störende Rockerbande aus Deutschland beklagen. Aber sie fanden uns wohl cool und unterhaltsam.
Irgendwann ging es weiter von dem Boot zu einer einfachen Eckkneipe namens Jimz Pub in der Innenstadt. Dort haben wir noch mehr Locals kennen gelernt, eng an die Hauswände und auf dem Boden aufgezeichnete Kästen gequetscht, damit in der kleinen Gasse noch genug Platz für Passanten war. Die Personenzahl pro Kasten war auch begrenzt. Klingt ungemütlich, aber war eigentlich okay und ich fand es eher erstaunlich, wie locker die Corona-Schutzmaßnahmen in der Stadt waren. Außer in der Straßenbahn musste nirgends zwingend eine Maske getragen werden. Überall Hinweise zum Abstandhalten und Desinfektionsmittel schienen zu genügen. Außerdem musste man in Restaurants und Cafés Angaben zu seinem Gesundheitsstatus machen. Aber ein bisschen fahrlässig wirkte das im Vergleich zu den Regeln in Deutschland schon.

Es war eigentlich schön, dass man in der Kneipe so leicht Leute kennen lernen konnte. Zum Beispiel trafen wir ein waschechtes Punkerpärchen, das noch zur Aftershowparty zu sich nach Hause einlud. Aber es war auch unglaublich nervig, wie oft wir anderen Gästen die Fragen beantworten mussten, wo wir denn her kamen, wer hier mit wem zusammen gehörte und warum wir uns ausgerechnet Den Haag für unseren Kurzausflug ausgesucht hatten. Dabei waren die Fragenden freundlich, aber auch etwas aufdringlich. So als ob wir als Deutsche schon etwas total Exotisches wären und natürlich musste einer gleich davon erzählen, wann er mal in München war. Wie seht ihr das, aber ich finde solche Unterhaltungen ziemlich unnötig. Einfach als gewöhnlicher Besucher der Kneipe betrachtet zu werden, finde ich deutlich angenehmer, ganz egal wo ich bin auf der Welt.
Übrigens, in diesem Laden fehlte nicht nur der Klodeckel, sondern die Brille war gleich mit abmontiert worden und lehnte lässig an der Wand neben der Schüssel.

Ein Teil unserer Reisegruppe ging nach der Sperrstunde der Bar noch zur „Aftershowparty“ des Pärchens. Der andere Teil, zu dem ich auch gehörte, ging ganz spießig zurück ins Hostelzimmer. Am nächsten Tag war immerhin Strand angesagt und wir wollten nicht allzu spät dort hin.

Also am nächsten Morgen erst mal Pfannkuchen gefrühstückt und dann ab nach Scheveningen Beach. Dort trafen wir auf gigantische Hotelanlagen, Geschäfte mit Bademoden und Spielsachen aller Art, Beach Bars, Grill Restaurants und Eisdielen, ein Riesenrad, einen Sprungturm für Bungee Jumping und eine Zipline quer über den Pier.
Unsere Gruppe (ausgerechnet die, die am Vortag länger feiern gewesen waren, waren auch schon früher da) lag kreuz und quer mit Hand- und Strandtüchern auf dem heißen Sand. Aus einer Bluetoothbox kam der wirrste Musikmix des aktuellen und letzten Jahrhunderts. Von hartem, so gar nicht zur Umgebung passenden Metal über zuckersüßen 80s Pop bis hin zu Anime Intros und den trashigen Kultpartysongs der 90er. Und wieder waren wir damit relativ laut für einen Strand. Aber hey, das hilft beim Social Distancing 😉

Das Wasser war fantastisch zum Schwimmen oder einfach durch die Wellen Hüpfen. Wieder an Land dann überteuerte Getränke aus viel zu billigen Plastikbechern und Sand überall. Viel mehr haben wir aber nicht gemacht. Es war ein ruhiger Samstag.

Abends gab der Regen der Stadt eine besondere Atmosphäre. Da waren diese kleinen typisch holländischen Häuser, aber hinter ihnen ragten hochmoderne, riesige kalte Wolkenkratzer mit ihren schwachen Lichtern in den Himmel. Sie alle hatten verschiedene Formen und wirkten monumental und futuristisch. Zwischen ihnen spiegelnde Pfützen und skurrile Kunst überall in den Straßen.

Zum Abschluss des Abends suchte sich jeder ein belgisches Craftbier in einer Kneipe aus, die noch in den 70ern hängen geblieben war. (Im Dekadenbingo haben wir nun gewonnen.) Sie hatte eine dunkle Holzvertäfelung, Lampenschirme über jeder Glühbirne, eine Jukebox und einen Teppich auf dem Tisch. Die Musik und die Gäste am Tresen ergänzten das Bild perfekt. Mitten in Chinatown, wohlgemerkt. Der Laden heißt Café De Waag.

An unserem letzten Tag, dem Sonntag, teilte es sich wieder auf. Ein Teil war von der durchgemachten ersten Nacht zu müde und fuhr heim. Oder wurde heim gefahren, besser gesagt xD
Meine Wagenladung schaute sich noch das Escher Museum sowie ein paar Ecken der Stadt bei Tageslicht an. Den Namen von M. C. Escher (nein, er ist kein Rapper) kennt wahrscheinlich nicht jeder, aber seine Kunst dürfte jeder schon mal gesehen haben. Fotos habe ich in dem Museum nicht gemacht, aber dafür habe ich hier ein paar Bilder aus dem Netz gesammelt. Ihr findet sie hier ganz am Ende des Artikels. Zusätzlich zu Eschers Werken gab es ein paar weitere Ausstellungsstücke wie optisches Glas, das die Realität verzerrte sowie interaktive Rauminstallationen, die das selbe taten. Ist definitiv einen Besuch wert!

Zum Abschluss bestaunten wir noch einmal den bekannten Binnenhof bei Tag und sahen auch den malerischen Teich dahinter. Während auf der Straße eine Demo gegen Lukaschenko stattfand. Die Demonstranten zogen an einem Antiquitätenmarkt unter Bäumen vorbei und nicht weit davon waren die künstlichen Skelette in den Straßen.

Also wenn ich an diesem Urlaub etwas besonders geliebt habe, dann diese ganzen einzelnen, fast surrealen Szenerien.


Ab jetzt sind es Eschers Werke

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