Als die Uhren sich langsamer drehten … (Zeitfeld Düsseldorf)

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Ausgerechnet zwei Tage nachdem ich auf meinem ersten richtigen Konzert seit den Veranstaltungsabsagen war, gehe ich einen riesigen Schritt zurück und stelle euch ein Buch vor, das sich mit den „schlimmsten“ Zeiten im Frühjahr beschäftigt hat?! Mache ich das, um uns allen die Stimmung zu vermiesen?
Nein, das sicher nicht. Ich wollte auch eigentlich viel früher über dieses Buch schreiben, das die Erfahrungen verschiedener Menschen gesammelt hat und authentisch wiedergibt.
Was mich davon abgehalten hat, war, dass ich mich in den vergangenen Wochen lieber von dem Dauerthema Coronavirus ablenken wollte. Ich wollte es zwar weiterhin ernst nehmen und Einschränkungen in Kauf nehmen – mich aber endlich wieder mit anderen Dingen beschäftigen und über andere Themen schreiben. Denn sind wir mal ganz ehrlich, wir können es alle nicht mehr hören.

Jetzt komme ich trotzdem damit um die Ecke. Warum? Vielleicht weil ich selbst mitgemacht habe und auch meine Gedanken von Februar bis Anfang Mai im Buch nachlesbar sind? Unter anderem; aber selbst das ist nicht das Wichtige, denn meine Gedanken teile ich ja auch hier, ganz nach Belieben. Viel eher will ich zeigen: Das Konzert am Freitag mit Night Laser und Formosa (über das natürlich noch ein kleiner Bericht folgt) ist keine Selbstverständlichkeit und die Kontaktsperren sind noch gar nicht so lange her!

Ich freue mich unglaublich für die Künstler, dass sie wieder live spielen können. Es kommt wieder Leben in die Straßen. Die Gastronomie hat wieder Einnahmen, die Angestellten eine Perspektive. Wir alle können wieder die Menschen sehen, die uns wichtig sind. Aber es ist auch erst ein halbes Jahr her, dass Klopapier und Nudeln plötzlich Mangelware waren und Ostern ohne Familie stattfinden musste…

und plötzlich haben alle Steine bemalt

In dieser Zeit haben sich die jungen Autorinnen Juna Nieves (Review ihres Debütromans findet ihr hier) und Antonia Quirl zusammengetan und in ihrem engeren und weiteren Bekanntenkreis nach Erfahrungen gefragt. Mit zwei Fragebögen (einer für Kinder, einer für Erwachsene) sollte ein vielfältiger Einblick in den ungewöhnlichen Alltag des Frühlings 2020 gewährt werden. Jeder erzählte aus seinem Leben, mit all den guten und den schlechten Veränderungen, die die Kontaktsperren mit sich brachten. Damals, als die Innenstädte noch gruselig leer waren. Es ist gar nicht so lange her.

Bis Anfang Mai wurden die Antworten gesammelt. Das heißt, dass die Maskenpflicht gerade eingeführt wurde, als die Arbeiten am Buch beendet wurden. In Rekordzeit wurde daraufhin der Sammelband veröffentlicht. Das Buch gibt es für 9,95€ in allen Buchhandlungen und online zu kaufen. (direkt vom Verlag: RediromaVerlag)
Herausgekommen ist ein von der Illustratorin piepfein freundlich gestaltetes Taschenbuch voller kürzerer und längerer Erzählungen von den verschiedensten Menschen. Ich hatte zu Beginn die Sorge, dass sich die dargestellten Erfahrungen untereinander zu ähnlich sind. Immerhin handelt es sich größtenteils um persönliche Bekannte der beiden Autorinnen. Doch ich war positiv überrascht.
Es findet sich eine Vielzahl an Altersgruppen und Berufen, Einstellungen und Lebenssituationen. Nur zwei Dinge fehlen mir bei der Diversität: Die meisten Beiträge stammen örtlich aus NRW (vor allem Leverkusen), wodurch die politischen Entscheidungen in anderen Bundesländern untergehen, und ich hätte gerne mehr über die Gedanken von Jugendlichen gelesen. Sie sind unterrepräsentiert, und wenn sie dabei waren, haben sie nicht viel Text geschrieben. Aber ich frage mich auch, ob ich im Teenager-Alter gerne bei so etwas mitgemacht hätte…

Was mir bezüglich der repräsentierten Meinungen noch aufgefallen ist: Die meisten Protagonisten im Buch legen Wert auf den Schutz ihrer Mitmenschen und viele berichten von positiven Änderungen und Erkenntnissen. Andere haben weniger Glück in ihrer Situation, sehen aber trotzdem den Sinn in den Maßnahmen. Ein paar üben auch Kritik an den strengen und zum Teil überstürzten, unreflektierten Maßnahmen. Aber keiner hat irgendwas von QAnon oder der New World Order von sich gegeben. Doch haben wir nicht festgestellt, dass wir alle irgendjemanden im Bekanntenkreis haben, der mit Überzeugung daran glaubt? Hätten diese Leute das Buch nicht dankbar genutzt, um ihre wirren Ansichten zu verbreiten? Oder sind es doch nicht so viele und sie wirken im Netz nur übermäßig präsent? Es ist keine Kritik am Buch, sondern eine ernsthafte Frage, die mir aufkam. Immer wieder der Gedanke: Ist das nun wirklich ein Querschnitt durch die Gesellschaft oder ist das Gesamtergebnis „verfälscht“?

Abgesehen davon kann ich nur empfehlen, die 244 Seiten zu durchstöbern. Durch die kurzen, in sich geschlossenen Abschnitte (jede Person wird einzeln vorgestellt), ist das Corona-Logbuch super für Zwischendurch. Ganz egal, wie wenig Zeit man hat, ein paar Seiten gehen immer. Und ich habe sowieso nie lange am Stück gelesen, sondern immer wieder über das nachgedacht, was die Interviewten geschrieben haben. Es sind ein paar bewegende, aber auch ein paar belanglosere Geschichten dabei. Eben so, wie die Realität aussah, und noch aussieht.

Kleiner Tipp an alle Fans von Untoter Rockmusik: Edward J. Freak der Band Superhorror hat auch mitgemacht! Und auch, wenn es absolut kein dominantes Thema ist, findet man im Buch immer mal wieder Personen, denen das gemeinsame Livemusikhören fehlt. Ihnen und allen anderen wünsche ich ganz viel weiteres Durchhaltevermögen und Verständnis. Eines wird durch das Corona Logbuch klar: Wir müssen alle gemeinsam durch diese Sch*****. 😉

Konzert mit Social Distancing

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