Ich lasse euch einen Moment Zeit, um zu überlegen, was ich mit diesem Phänomen meinen könnte. Ideen?

Auf das Thema gekommen bin ich irgendwie, als es strafbar wurde, sich mit falschem Namen in die Kontaktdatenlisten in der Gastronomie einzutragen. Mir fiel dabei auf, dass ich von vielen Freunden und Bekannten gar nicht die echten Namen weiß; oder wenn, dann nur den Vornamen, oft nur die Kurzform davon. Und selbst dann, wenn ich die echten Namen kenne, gibt es ein paar Kandidaten, die diese nur ungern aufschreiben würden.

Woran liegt das und warum spreche ich hier von Künstlernamen?

eigentlich heißt er Saul Hudson

Ich vermute, dass diese Phänomen zwei Ursprünge hat: Ersten das Nacheifern der eigenen Idole und Ideale, zweitens der Wunsch nach Identitätsschutz im Internet.

Viele Leute in meinem Bekanntenkreis sind bekennende Musikfans. Sie fuchsen sich wirklich rein in die Künstler und die Geschichten hinter den einzelnen Songs und wissen gerne auch mal, wie der zweite von vier Bassisten in der Bandgeschichte hieß und wo er gewohnt hat.

Diese Musiker wiederum geben sich gerne Künstlernamen. Das müssen nicht unbedingt Fantasiewörter sein – sie können auch einfach wie (fast) normale Namen klingen. Es sind aber trotzdem nicht die, mit denen sie geboren wurden oder die noch heute in ihrem Personalausweis stehen. Freddie Mercury zum Beispiel wurde Farrokh Bulsara getauft. Freddie war lange Zeit nur sein Spitzname. Die Geschichte zum Nachnamen „Mercury“ ist recht mehrdeutig, aber ein Songtext soll dabei eine Rolle gespielt haben.
Alice Cooper kam als Vincent Damon Furnier zur Welt. Er übernahm irgendwann den Namen einer Band, in der er mal gespielt hatte. Und H.P. Baxxter heißt mit bürgerlichem Namen Hans Peter Geerdes. Das klang wohl einfach nicht so „hyper“ cool.

Freddie Mercury Statue, Wikipedia.org

Wer Fan von Künstlern wie ihnen ist, will ihrer Lebensgeschichte ein bisschen nacheifern. Zumindest dieses Lebensgefühl haben, sich seinen eigenen Namen geben zu können. Man möchte damit auch etwas ausdrücken, also welchen Musikgeschmack man z.B. mag, oder man versteckt andere kulturelle Anspielungen.

Aber wie kann man sich diese Namen selbst geben, ohne zum Amt zu rennen und sich offiziell ummelden zu lassen?
Nun, zum einen kann man sich, wenn man neue Menschen trifft, einfach damit vorstellen. Wenn man, zweitens, wirklich Kunst in irgendeiner Form veröffentlicht, sei es Musik, Bücher, Fotografie oder sonstiges kann man sich ebenfalls ein Pseudonym aussuchen, unter welchem man seine Werke veröffentlicht. Aber vor allem das Internet befeuert das Phänomen, dass man bei vielen seiner eigenen Freunde lange nicht weiß, wie sie eigentlich heißen.

Als jeder sich seine erste eigene E-Mail-Adresse einrichtete, trugen diese noch recht kuriose Namen. Meine enthielten die Wörter „eidechse“ und „katzenpfote“. Inzwischen sind beide deaktiviert und ich habe eine normale, seriöse Adresse, eine für die Arbeit und eine für meinen Blog. Die beinhaltet natürlich mein Pseudonym „karlathefox“.

Aber früher ermöglichten SchülerVZ und Myspace, später Facebook und Instagram oder heute TikTok die Wahl eines eigenen (User-)Namens. Vor allem bei Facebook, wo man ja theoretisch seinen Klarnamen angeben soll, sorgt dies jedoch für Verwirrung. Auch ich nutze dort einen anderen Nachnamen. Weil mein echter recht langweilig und häufig ist, weil ich das Erbe der „katzenpfote“-Adresse darin fortführen will und einfach, weil ich es kann. Warum Leute dann auf meinem Klingelschild nach dem falschen Namen gesucht haben, hab ich erst kapiert, nachdem sie es mir erzählt haben. Ach stimmt ja, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sorry, ich heiße eigentlich anders …

Mein Part im „Corona-Logbuch“
Team Toastbrot und der fehlende Nachname

Umgekehrt wusste ich z.B. ewig nicht, wie der Nachname von Mara (ihr kennt sich von Team Toastbrot) lautet, obwohl ich da schon bei ihr Zuhause gewesen war. Da hatte sie mich aber von der Bahnstation abgeholt. Ich musste nicht klingeln.
Als ich ihr dann mal ein Paket schicken wollte, von dem sie aber vorher nichts wissen sollte, setzte ich auf die Kenntnisse der örtlichen Postboten. ^^ Ich ließ den Nachnamen einfach weg. Das Paket kam an.

Als Facebook vor ein paar Jahren (das dürfte so 2015 gewesen sein?) plötzlich durchgriff und viele Accounts mit „Pseudonym“ gemeldet wurden, erfuhr man auf einen Schlag von vielen Bekannten den vollen oder richtigen Namen. Manche wurden aber nicht erwischt, bis sich diese Welle wieder legte. Nach dem, was ich weiß, waren es Transgender Personen, die die Wogen glätten konnten. Sie stehen nämlich immer irgendwann an dem Punkt, dass sie sich einen selbst bestimmten Namen geben müssen, noch bevor dieser rechtskräftig ist. Es sollte ihr Recht sein, sich mit diesem gewählten Namen in den sozialen Netzwerken anmelden zu können. Übrigens sind auch Zweitnamen anstelle der Rufnamen im Fratzenbuch sehr beliebt. Warum auch immer. Vielleicht weil es einem das Gefühl von Autonomie gibt? Von „ich kann mir selbst aussuchen, wie die Leute mich nennen und muss dafür noch nicht mal die Unwahrheit angeben, wenn ich den Zweitnamen wähle“? Sich selbst so nennen zu können, wie es sich richtig anfühlt, hat schon etwas für sich.

Denn obwohl ich mich nirgends so vorstelle, reagiere ich im „real life“ auch auf den Namen Karla oder den Spitznamen Foxxy. Zumindest wenn ich auf einer Glam Rock Party bin, wo es theoretisch Leute geben kann, die zwar die Seite kennen, aber nicht mich persönlich. Manche denken wahrscheinlich auch, ich freue mich, wenn sie mich so nennen.
Es ist etwas ungewohnt und verwirrend, weil ich länger zum Reagieren brauche und dann unsicher bin, ob ich meinen echten Namen nennen soll, aber schlimm finde ich es nicht. Es ist ganz lustig, so viele Namen zu haben wie eine Jellicle Cat 😉

Kennt ihr das auch? Wusstet ihr mal jahrelang nicht, wie eure Freunde heißen und hattet dann plötzlich Probleme, sie auf offiziellen Wegen zu kontaktieren, für sie eine Reservierung vorzunehmen oder ähnliches? Sträubst du dich selbst, deine eigenen Namen anzugeben? Oder findest du es nicht tragisch, wenn er herauskommt, bevorzugst aber den Selbstgewählten? Ich finde, es ist ein interessantes Phänomen, das in Subkulturen auch viel präsenter zu sein scheint als bei „Stinos“. Könnte fast eine eigene Studie wert sein …

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